Sven Nordqvist feiert 80. Geburtstag

von | 30.04.2026 | #buch&kunst, Buchpranger, Specials, Stadtgespräch

„Meine Geburtstagstorte backe ich mir immer selber“

Pettersson, Findus und Mama Muh – Sven Nordqvist hat einige der schönsten Kinderbuchfiguren gezeichnet. Seit Jahrzehnten begleiten sie Kinder auf der ganzen Welt. Heute feiert der Schwede seinen 80. Geburtstag und denkt noch lange nicht an Ruhestand. Doch wie feiert eigentlich einer der berühmtesten Kinderbuchautoren und -illustratoren der Welt seinen Geburtstag? Bianka Boyke hat er es im Interview verraten und mit ihr auch einen Blick in die Vergangenheit geworfen – in die Zeit, als die Kunsthochschule ihn ablehnte. Warum er dennoch nicht an sich gezweifelt hat und welchen Tipp er jungen Künstlern mitgegeben hat, lest ihr im Interview.

Boyke: Wie werden Sie ihren 80. Geburtstag feiern? Vielleicht sogar mit Findus‘ berühmter Pfannkuchentorte?

Nordqvist: Wir werden eine alte, schöne Wohnung mieten, die größer ist als unsere eigene, und die nächsten Verwandten und Freunde einladen, etwa 15 bis 20 Personen. Große Feste mag ich nicht. Zu meinen Geburtstagen mache ich mir normalerweise selbst eine Torte: Rührkuchen in drei Schichten mit Sahne, Marmelade und Pfirsichen dazwischen und oben Marzipan.

Boyke: Sie wollten schon in jungen Jahren Zeichner werden und wurden von mehreren Kunsthochschulen abgelehnt. Können Sie sich heute erklären, warum, und hatte es im Nachhinein vielleicht sogar etwas Gutes?

Nordqvist: Das ist vielleicht gar nicht so seltsam. Ich wollte Illustrator werden. Es gibt einen Unterschied zwischen Kunst und Illustration. Die Bilder, die ich meiner Bewerbung beigefügt hatte, waren typische Zeitschriftenillustrationen. So etwas wird von einer Kunstjury verachtet. Ich wäre gern ein paar Jahre auf eine Kunstschule gegangen, aber stattdessen wurde ich Architekt und das war auch spannend und interessant. Während der vier Jahre absolvierte ich gleichzeitig einen umfangreichen Fernkurs in Illustration. Das brachte mich dazu, viel zu üben und Zeichnen und Malen zu lernen, wovon ich später als Illustrator profitiert habe.

Boyke: Haben Sie jemals jemanden von der Kunsthochschule getroffen?

Nordqvist: Ich habe einige von denen getroffen, die direkt an der Kunsthochschule aufgenommen wurden, wo ich mich beworben hatte. Das hat mich etwas neidisch gemacht, aber ich verstehe ja, warum ich nicht genommen wurde.

Boyke: Sie haben immer an sich geglaubt und an Ihrem Traum festgehalten. Können Sie jungen Menschen, die gerade den Mut verlieren, einen Rat geben?

Nordqvist: Der Traum, meinen Lebensunterhalt als Zeichner zu verdienen, entstand in meiner Mitte der Teenagerzeit. Zeichnen und Bilder erfinden war das, was mir am meisten Spaß machte. Angestellt in einem Büro mit Chef und festen Arbeitszeiten zu sein, war nicht so verlockend. Ich wollte immer selbstständig zurechtkommen und zumindest versuchen, praktische Probleme selbst zu lösen. Schwieriger ist es mit Problemen, bei denen andere einbezogen werden müssen. Warum das so ist, weiß ich nicht, ich bin einfach so. Wenn der Traum nicht unrealistisch ist, sollte man einfach weiter danach streben. Viele Träume haben damit zu tun, in etwas gut zu sein – Zeichnen, Musik, Skifahren usw. Dann muss man bereit sein, viel zu üben. Es dauert, bis man gut wird. Gerade in der Kunst geht es aber mindestens genauso sehr darum, etwas Neues, Eigenes und Interessantes zu zeigen.

Boyke: Vor allem Ihre Bücher über Pettersson und Findus sind sehr beliebt und viele sehen Sie als „Vorbild“.

Nordqvist: Ja, es gibt viele Ähnlichkeiten. Ich habe mich nicht besonders angestrengt, mir einen speziellen Pettersson auszudenken. Er wurde so, wie es für mich am einfachsten war – ungefähr wie ich selbst. Damals hatte ich außerdem einen Bart und eine runde, altmodische Brille. In meinen Vorstellungen von einem guten Leben lebe ich ungefähr wie Pettersson: in einem kleinen Haus auf dem Land mit Werkstatt, Garten und einer Katze. Er kommt allein zurecht und braucht nicht viel Gesellschaft. Als ich später Kinder bekam, wurde die Katze mehr wie ein Kind. Mein Arbeitszimmer und die Werkstatt erinnern sehr an Petterssons Welt. Ich hebe alles auf, was man irgendwann gebrauchen könnte. Ich mag alte Dinge, Werkzeuge und alles Mögliche, was alleine deshalb schön ist, weil es alt ist.

Boyke: Haben Sie selbst ein Lieblingsbuch unter Ihren eigenen Werken?

Nordqvist: Am stolzesten bin ich auf „Wo ist meine Schwester?“. Daran habe ich lange gearbeitet und mir bei den Bildern besonders viel Mühe gegeben. Mit „Spaziergang mit Hund“ war ich direkt nach der Fertigstellung nicht ganz zufrieden, aber nach einigen Jahren finde ich, dass auch dieses Buch gut geworden ist. Von den Pettersson-Büchern mag ich „Wie Findus zu Pettersson kam“ am liebsten.

Boyke: Welche Ihrer beruflichen Erfolge hat Sie am meisten überrascht, und welches Ihrer Bücher würden Sie sich wünschen, bekäme mehr Aufmerksamkeit?

Nordqvist: Überhaupt, dass die Pettersson-Bücher auf der ganzen Welt so beliebt geworden sind. Ich sehe das als Beweis dafür, dass Kinder überall gleich sind. Das ist ein schöner Gedanke – eine gute Grundlage für mehr Toleranz zwischen Menschen. Ich habe drei Sach-/Fiktionsbücher mit Texten von Mats Wahl illustriert. Besonders in eines davon, über die Ostindien-Kompanie, habe ich viel Arbeit gesteckt. Es ist gut geworden, aber ich habe nicht viel davon gesehen. Das ist schade.

Boyke: Wie arbeiten Sie: Haben Sie zuerst ein Bild im Kopf oder schreiben Sie zuerst die Geschichte? Oder beides gleichzeitig? Und finden Sie es schöner, ein Buch ganz allein zu entwickeln oder „nur“ als Illustrator zu arbeiten, wie zum Beispiel bei Mama Muh?

Nordqvist: Ich denke in Bildern, meist in sehr diffusen Bildern, eher Ideen, die ich versuche, zu einer Geschichte zusammenzufügen. Ich skizziere im Kopf, verschiebe Dinge und probiere verschiedene Handlungsverläufe aus. Wenn es langsam eine Geschichte wird, skizziere ich meine Gedanken als einfache Bilder und versuche, sie auf 24 Seiten zu verteilen. Danach schreibe ich den Text. Wenn alles zusammen funktioniert, zeichne ich die Seiten im richtigen Format neu und arbeite sie detaillierter aus. Anschließend übertrage ich die Skizzen mithilfe eines Leuchttisches auf Aquarellpapier, ziehe die Konturen mit Tusche nach und koloriere sie. Im Durchschnitt brauche ich etwa einen Tag, um ein Bild fertigzustellen – je nach Detailreichtum. Eine Geschichte zu erfinden und zu schreiben kann ein paar Monate dauern.

Boyke: Und welchen Teil Ihrer Arbeit mögen Sie am liebsten?

Nordqvist: Am schönsten ist es, wenn ich die großen Bilder ausarbeite und koloriere. Das dauert viele Stunden, und dabei kann ich Hörbücher hören oder Radio. Ich habe viele Bücher „gelesen“, während ich gemalt habe. Zu Veranstaltungen oder Schulbesuchen gehe ich nicht besonders gern, aber bei Signierstunden mache ich meistens mit – besonders wenn ein neues Buch erschienen ist. Zur Buchmesse in Göteborg fahren wir seit vielen Jahren, weil ich gern Seminaren zuhöre und durch die Hallen gehe, um mir Bücher anzusehen.

Boyke: Sie werden 80 Jahre alt und arbeiten noch immer sehr viel. Können Sie sich überhaupt vorstellen, „in Rente“ zu gehen?

Nordqvist: Inzwischen finde ich es manchmal schön, den ganzen Tag nichts zu tun. Aber meistens habe ich lieber ein Projekt in Arbeit. Im Hinterkopf ist immer der Wunsch, noch ein neues Buch zu machen oder zu malen oder zu bauen.

Boyke: Gibt es ein Projekt, das Sie unbedingt verwirklichen und veröffentlichen möchten? Würden Sie verraten, worum es geht und wie lange Sie schon daran arbeiten?

Nordqvist: Nein, nichts Konkretes.

Boyke: Und wenn Sie nicht arbeiten – was machen Sie dann gern?

Nordqvist: Ich schnitze und baue gern Dinge. Das kann ich im Sommer in meiner Werkstatt tun. Ansonsten gehe ich spazieren, löse Kreuzworträtsel, lese, sehe fern und spiele Computerspiele.

Boyke: Würden Sie sagen, dass das Alter Sie weiser gemacht hat, und möchten Sie jungen Menschen etwas mit auf den Weg geben?

Nordqvist: Vielleicht in gewisser Weise. Ich habe entdeckt, dass ich mit dem, was ich zuerst glaube, oft falsch liege. Deshalb bin ich selten ganz sicher in etwas. Es gibt immer Alternativen, andere Sichtweisen. Darum bin ich sehr unentschlossen – was vielleicht nicht besonders weise oder praktisch wirkt –, aber ich finde es gut, verschiedene Meinungen zu hören, bevor man etwas mit Gewissheit sagt. Fast alles, was wir zu wissen glauben, ist etwas, das wir gehört oder gelesen haben, gesagt von jemandem, der vielleicht selbst nicht wirklich wusste, wie es sich verhält. Es gibt also Grund, skeptisch zu sein.

Boyke: Herr Nordqvist, ich danke Ihnen für Ihre Zeit und wünsche Ihnen einen schönen Geburtstag im Kreise Ihrer Lieben, viel Erfolg bei all Ihren Projekten und alles Gute.

Foto: Lottie Winnerhed

Bianka Boyke

Bianka Boyke

Autorin Bianka Boyke ist im Sommer 2022 mit ihrer Familie in ein kleines Holzhaus mitten im Schwedischen Wald ausgewandert und arbeitet von dort als Journalistin, Übersetzerin und Autorin. Auf ihrem Instagram-Account @bianka.in.schweden nimmt sie ihre Follower täglich mit – am liebsten auf Ausflüge in die Schwedische Natur.

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