Bücherstädterinnen Vesa und Andrea, Zeichensetzerin Alexa und Geschichtenbewahrerin Michaela haben ein Experiment gewagt: Sie haben unabhängig voneinander den Kurzfilm „Die Leinwand“ angeschaut – und dabei auf jeweils einen anderen Analyseschwerpunkt geachtet. Entstanden sind kurze Fragmente, die bestimmte Merkmale des Films in den Fokus setzen.

„Die Leinwand“ ist ein animierter Kurzfilm von nur 9 Minuten Länge, der die Trauer und die Wiedererlangung des Lebenswillens nach einem schweren Verlust thematisiert. Nach dem Tod seiner Frau scheint der Protagonist, ein alter Mann im Rollstuhl, seine Leidenschaft für die Malerei verloren zu haben.

Letztendlich ist es aber die Kunst, die eine Brücke zwischen ihm und seiner Enkelin schlägt. Anfangs meidet der alte Mann die Kunst, weil sie ihn schmerzlich an seine Frau erinnert. Je öfter ihn seine Enkelin besucht, desto mehr bringt sie ihm die Malerei wieder näher und die Trauer beginnt zu verblassen – er erinnert sich wieder daran, warum er die Malerei einst liebte, und an die Liebe zu seiner verstorbenen Frau.

Räume und Farben

„Die Leinwand“ beginnt mit einer friedlichen Szene im Garten, in der eine Frau an einen Baum gelehnt sitzt und in die Ferne schaut. Hinter ihr befindet sich ihr Mann – vor sich eine Leinwand, auf der er malt. Die Stimmung ist angenehm ruhig, die Farben sind hell. Dann folgt eine Überblendung – man sieht nur eine weiße Fläche, im Hintergrund erklingt ein monotones Signal, das unterschiedlich interpretiert werden kann. Als der Protagonist im nächsten Moment die Augen öffnet, ist die Situation völlig anders. Markiert wird diese Veränderung insbesondere durch die Farben, die nun in verschiedenen Gelb- und Brauntönen erscheinen, während sonnendurchflutete Flächen goldgelb leuchten. In dieser Aufwachszene wird klar: Neben dem Mann im Bett fehlt jemand, die andere Seite ist leer.

Der Protagonist bewegt sich in seinem Rollstuhl im Grunde nur zwischen Haus und Garten. Zwei Orte spielen dabei eine zentrale Rolle: das Ende des Flurs, wo es dunkel ist und alles mit Kisten und einem Kleiderständer vollgestellt ist – und hinter dem sich ein geheimer Raum befindet, den der Protagonist verschlossen hat, als wäre all das, was sich darin befindet, mit unendlicher Trauer und Schmerz verbunden. Der zweite Ort ist die Stelle im Garten, an der die Staffelei steht. Der Protagonist sitzt immer wieder davor, versunken in seinen Erinnerungen, ohne einen einzigen Pinselstrich zu machen.

Erst als die Enkelin auftaucht, verschiebt sich die Bedeutung dieser Orte. Durch ihre lebhafte, neugierige Art überschreitet sie die Grenze, die der Protagonist so lange gemieden hat: Sie öffnet die geheimnisvolle Tür und entdeckt das alte Leinwandbild, auf dem ihre Großmutter abgebildet ist. Als der Protagonist seine Enkelin entdeckt, löst der Blick auf die Leinwand sichtbar tiefe Emotionen in ihm aus. Mit Hilfe seiner Enkelin schafft er es, sich zu überwinden und das Bild zu berühren. Ein goldenes Licht erscheint, dann wechselt die Szene, und der Protagonist befindet sich an einem unbekannten, hellblau und weiß strahlenden Ort, an dem er seiner Frau wieder begegnet – und endlich Abschied nehmen kann.

Die zweite Grenze zeigt sich im Garten. Sie ist unsichtbar und scheinbar unüberwindbar zwischen dem Protagonisten und der Leinwand vor ihm. Als er versucht, den ersten Pinselstrich seit langer Zeit zu machen, hindert ihn etwas daran. Doch seine Enkelin und seine Tochter sind da und geben ihm Mut, indem sie ihn berühren. Nun findet der Protagonist die Kraft, den Pinsel zu heben, ihn zur Leinwand zu führen und einen ersten Strich zu machen. (za)

Figuren

Die Protagonisten des Kurzfilms sind der Großvater, der nach dem Tod seiner Frau von der Welt zurückgezogen lebt, und seine Enkelin, die als ein lebhaftes, fantasievolles Kind dargestellt wird. Die Trauer des Großvaters um seine verstorbene Ehefrau wird nicht durch Dialoge dargestellt, sondern durch Mimik und Gestik. Diese sind bewusst sehr langsam und zurückhaltend animiert, um seine Trauer und den Verlust der Freude am Malen darzustellen. Die Enkeltochter dringt langsam in seine Welt ein – hauptsächlich durch ihre kindliche Neugier und ihr unschuldiges Interesse daran, Zeit mit ihrem Großvater zu verbringen.

Als Nebenfigur taucht die Tochter des Witwers auf. Sie übernimmt vor allem die Rolle des Bindeglieds zwischen Großvater und Enkelin. Eine weitere wichtige Person in der Geschichte nimmt die verstorbene Großmutter ein. Sie erscheint nur in Rückblenden und als Erinnerung. Dennoch trägt sie wesentlich zur Charakterisierung ihres Mannes bei und bildet in ihrer Abwesenheit den Ursprung der Trauer des Großvaters. (ba)

Ton

Einzigartig an diesem Film ist das Fehlen von Dialogen: Die Figuren kommunizieren ausschließlich durch Körpersprache, Gestik und Mimik. Die Zuschauer*innen können sich deren Bedeutung jedoch durch die Geräusche und die begleitende Musik erschließen – sie übernehmen eine narrative und emotionale Leitfunktion.

Das Geräusch des Pinsels des Protagonisten steht im Kontrast zum durchdringenden Lärm des Weckers – sie verdeutlichen die abrupte Unterbrechung der tröstlichen Fantasie, gefolgt vom schmerzlichen Aufwachen in der Realität. Die musikalische Gestaltung scheint die Gefühle der Hauptfigur widerzuspiegeln: In Träumen und Erinnerungen an seine verstorbene Frau hört man das Zupfen von Gitarrensaiten – in dieser Fantasie ist er glücklich. Wenn der alte Mann wach ist und vor der verlassenen Staffelei in Erinnerungen schwelgt, erklingt eine langsame, melancholische Violine. Ist er allein in seinem Haus, herrscht Stille. Doch der Klang der Gitarrensaiten kehrt immer wieder zurück, z. B. beim Besuch der Enkelin, als wecke sie die verlorene Leidenschaft in ihm. Mit ihrer Liebe zur Kunst inspiriert sie ihren Großvater, seine Liebe zur Malerei neu zu entfachen. Als er sich schließlich wieder seiner alten Kunst zuwendet, erfüllt ein magischer Klang den Raum, und es ist, als ob die Großmutter wieder erscheint.

Die beim Publikum hervorgerufenen Gefühle von Trauer, Mitgefühl, Sehnsucht und schließlich Glück, werden durch den Einsatz von Musik und den bewussten Verzicht auf Dialoge ermöglicht. Anstatt einfach Wörter zu verstehen, können die Zuschauer*innen fühlen, was die Figuren fühlen. (bv)

Kameraführung

Die Kameraführung in diesem Film erzeugt auf zwei Arten eine intime Verbindung zwischen Zuschauer*innen und Hauptfigur: Manchmal wird sie aus der Perspektive des Großvaters eingesetzt, wodurch wir das Geschehen aus seiner Sicht erleben. In anderen Momenten werden Nahaufnahmen eingesetzt: Die Kamera zoomt auf das Gesicht des Großvaters, insbesondere auf die Augen, und ermöglicht dem Publikum so einen intimen Einblick in seine Emotionen, was Mitgefühl weckt.

Die Kamerabewegung ist nie statisch: Sie schwebt langsam und organisch, wodurch ein Gefühl ständiger Bewegung entsteht – wie bei einer Handkamera. Dadurch erscheint die Kamera selbst wie eine eigenständige Figur. Dieser Eindruck wird durch Szenen verstärkt, in denen die Kamera in den Türen des Kunstraums positioniert ist.  Der Großvater meidet diesen Raum, weil er ihn sehr an seine Frau erinnert. Die Positionierung der Kamera legt daher nahe, dass die Frau aus diesem Raum herausschaut – dem Raum, in dem sich alles befindet, was ihn an sie erinnert.

Nach und nach wird deutlich, dass die Kamera die Großmutter repräsentieren soll. Es gibt einige Momente, in denen die Kamera so positioniert ist, als ob sie aus der Perspektive der Leinwand filmt. Als der alte Mann wieder zu malen beginnt, verschiebt sich der Fokus von Figur bzw. Gegenstand zu Figur. Die personifizierte Leinwand beobachtet also ihn und seine Familie. So kann die Großmutter ihren Mann wieder beim Malen beobachten – wenn auch nur im übertragenen Sinne. (bv)

Requisiten

Leere Wände, ein verhängtes Bild und eine leere Staffelei. Diese wenigen Dinge reichen, um die Leere des alten Mannes zu zeigen. In einem Raum sind sämtliche Bilder, die einmal im Haus hingen, abgestellt worden. Über dem gemalten Portrait seiner verstorbenen Frau ist ein Tuch gehängt. Der Mann sitzt in einem Rollstuhl und bewegt sich nur langsam. Alles symbolisiert, dass er aufgegeben hat, denn er hat nur noch seine Erinnerungen. Und doch gibt es einen üppigen Garten.

Eines Tages besucht ihn seine Enkelin. Sie zieht das Tuch vom Bild ihrer Großmutter und zeigt damit ihrem Großvater, dass er eine schöne Zeit mit seiner Frau hatte, er sich aber nicht vor der Welt verschließen soll, denn es lohnt sich, zu leben. Und der Garten, dieses Symbol des Lebens, zeigt nun seine Bedeutung. Denn auf der Staffelei im Garten steht eine Leinwand, die darauf wartet, bemalt zu werden. (gm)

Die Leinwand. Regisseur: Frank E. Abney III. Produzentin: Paige Johnstone. Executive Pruducer: Jamaal Bradley. Netflix. 2020. // Bild: Netflix.

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