Zwischen Sinnlosigkeit und Bedeutung

von | 01.05.2026 | Belletristik, Buchpranger

Jacqueline Harpman erzählt in ihrem Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ von einer Dystopie, die ergründet, was es bedeutet, Mensch zu sein – oder Frau zu sein. Zwischen Feminismus und Facetten des Menschseins werden philosophische Fragen gestellt, die nach dem Lesen noch nachhallen, berichtet Bücherstädterin Alica.

Stell dir vor, deine ersten Erinnerungen beginnen in einem Keller unter der Erde mit neununddreißig anderen fremden Frauen als Gefangene, überwacht und isoliert. Genau davon handelt der Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ von einer der großen französischen Stimmen Jacqueline Harpman.

„Lässt sich aus dem Erinnern selbst eine Befriedigung ziehen, unabhängig davon, woran man sich erinnert?“ (S.10)

Wir begleiten die namenlose Protagonistin, die von den anderen gefangenen Frauen im Keller nur „die Kleine“ genannt wird. Die Geschichte wird von ihr in Form eines Berichts erzählt, indem sie die Geschehnisse ihres Lebens erläutert, in der Hoffnung, dass die Worte irgendwann gelesen werden.

Zu Beginn wird klar: Keine von den Frauen im Keller weiß, wie sie dorthin gekommen sind oder weshalb – ist ein Virus ausgebrochen oder Krieg? Die Frauen unterschiedlichen Alters können sich teilweise noch vage an ihr vorheriges Leben erinnern: Beruf, Familie, Männer, Kultur. Der Ich-Erzählerin ist all dies jedoch fremd. Sie kam in jungen Jahren in Gefangenschaft und hat nie ein anderes Leben gekannt. 

Schon zu Beginn erinnert die Geschichte stark an den Klassiker „Die Wand“ von der Autorin Marlen Haushofer. Abgeschottet, isoliert, existentielle Abgründe – mit dem Unterschied, dass hier nun eine Gemeinschaft von Frauen das Schicksal bestreitet und nicht nur eine einzelne Frau. 

In der Fremde Vertrautheit schaffen

Ab Seite eins befindet man sich im Keller mit den Gefangenen und bekommt einen schwermütigen Eindruck davon, wie der Alltag unter der Erde aussieht. Es gibt männliche Wachen, die sie beobachten und Peitschen bei sich tragen, als Warnung, denn es darf nicht viel miteinander gesprochen werden und auch der Körperkontakt ist verboten. Dreimal täglich wird den Frauen Essen geliefert, das mager ausfällt, woraus sie dennoch versuchen, Speisen zu kochen. Mit einem nüchternen, distanzierten Ton bekommen wir Lesenden einen Eindruck davon, wie der Ablauf im Keller aussieht. Und auch wenn der Schauplatz der Handlung begrenzt ist, hält der düstere und stille Schreibstil einen im Bann der Erzählung.

„Ihr ganzes Leben lang hatten sie sich nach etwas gesehnt. Aber das, was ihnen gegeben wurde, war nicht, was sie erwartet hatten. Vielleicht wird einem das Fremde nie vertraut, wenn man einmal einen sinnvollen, geordneten Alltag gehabt hat. Aber das kann ich, die ich nichts als das Sinnlose kenne, nur vermuten.“ (S.76)

„Die Kleine“, wie sie genannt wird, steht im Verlauf der Geschichte als zeitlicher Marker. Die anderen Frauen können an ihr das Vergehen der Jahre ausmachen, da sie als so kleines Mädchen in den Käfig kam und jegliches Zeitgefühl seither weg ist. Die zeitliche Einheit trägt sich als Symbol durch den ganzen Roman – die Zeit wird versucht durch Bemessung des Herzschlags beispielsweise, wiederherzustellen und zu definieren und auch das Altern selbst ist eine wesentliche Thematik, die sich in der Geschichte wiederfindet.

Mit Transparenz und Ehrlichkeit bekommen wir Einblicke in die Gedankenwelt der Protagonistin, die die Handlungen der Frauen hinterfragt und auch erstmals verachtet. Sie selbst beschreibt sich als „anders“ und „fremd“, da sie die Welt, die die anderen Frauen vermissen, nie kennenlernen konnte. Sie versteht das Gerede der Frauen nicht, die sich jeden Tag aufs Neue über die Möglichkeit Gedanken machen, wie sie nun das gelieferte Essen am besten zubereiten sollen. Es scheint, als bewerte sie und fühle Handlungsweisen, durch ihre selbsternannte Fremdheit, neu. 

Der Roman nimmt eine Wendung und der Alltag im Keller bekommt einen Bruch, als plötzlich ein Alarm losgeht und die Frauen nun neuen Hürden begegnen, die über das Leben im Keller hinausreichen.

„Verrückt werden – darunter kann ich mir gar nichts vorstellen. Du weißt, dass ich nicht so bin wie ihr. Das, was ihr so sehr vermisst, habe ich nie gekannt, und wenn doch, kann ich mich nicht erinnern. Es macht mich nicht krank. Ich hatte immer das Gefühl, allein zu sein, weil ich so anders bin. Ich habe euch nie richtig verstanden, weil ich nicht wusste, wovon ihr gesprochen habt.“ (S.145)

Was macht einen Menschen aus?

Der Roman beschäftigt sich mit der großen Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein. Was ist tatsächlich essentiell für die eigene Existenz? Was hat Bedeutung?

Über die Laufbahn des Romans und damit das Älterwerden der Protagonistin zeichnen sich die wesentlichen Lebenslagen ab, mit denen man konfrontiert wird: Frei sein, Älterwerden, Krankheit und Tod. Aber auch das Formen einer Gemeinschaft und was es bedeutet, wenn man sich auch in solch einer als Außenseiterin fühlt. 

Besonders interessant fand ich den Bezug zum Titel des Romans. In erster Interpretation nahm ich an, dass die Gestaltung der Geschichte darauf abzielt, zu beleuchten, wie ein Leben ohne Männer zu kennen sei und damit die gesellschaftlichen Fragen, die sich stellen, aussehen können. Wie würde ein Leben als Frau demnach stattfinden? Der Roman hatte für mich jedoch viel mehr Aspekte aufgegriffen als erwartet – da eine Welt mit Männern von den anderen Frauen geschildert wurde, war es umso interessanter, den Gedanken zuzuhören, die die Protagonistin in Bezug auf diese Welt, die sie nicht kennt, hegt, und sich ihre Gefühle zu ihr und ihrer eigenen Welt erschließt. Darüber hinaus waren Männer an sich nicht zentrales Thema, sondern viel mehr alles, was in unserer Welt, wie wir sie kennen, mitschwingt, die von Aushandlungen eines patriarchalen Systems geprägt ist. 

Am Ende bleiben viele Fragen zurück, die zum Nachdenken anregen. Eine Buchempfehlung für alle, die einem ruhigen, düsteren Gedankenexperiment ausgesetzt werden wollen, das sich nur schwer aus der Hand legen lässt.

Ich, die ich Männer nicht kannte. Jacqueline Harpman. Übersetzung: Luca Homburg. Klett-Cotta Verlag. 2026.

Alica Behling

Alica Behling

Mit Beginn ihres Studiums in Kulturwissenschaft und Germanistik, begeistert Alica sich für die vielfältigen Verbindungen zwischen Sprache, Gesellschaft und Kultur. Mit derselben Leidenschaft schreibt sie über Literatur, Film und Theater und sucht in ihren Texten nach Wegen, die Welt erfahrbar zu machen und Verbundenheit zu spüren. Außerdem interessiert sie sich für Musik und die kreative Inszenierung kultureller Formate. Wenn sie nicht gerade an neuen Beiträgen arbeitet, geht sie am liebsten ins Kino, spaziert durch unbekannte Viertel, entdeckt neue Orte für Kaffee oder lässt sich von Geschichten in unterschiedlichen Formen inspirieren.

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