All die Farben, all das Licht – ein Romandebüt, das tief berührt

von | 06.09.2026 | Belletristik, Buchpranger

Erwachsenwerden, Kunst, die komplizierte Verbindung zwischen Schwestern, der Verlust eines Elternteils und eine unheilbare Erkrankung. Die dreizehnjährige Martha und ihre siebzehnjährige Schwester Juna stehen diesen Herausforderungen in Cora Wucheres „All die Farben, all das Licht“ gegenüber. Buchstabenakrobatin Melanie hat die einfühlsame Geschichte der Mädchen gelesen.

Erwachsenwerden ist schon unter den besten Voraussetzungen schwer genug. Freundschaften, erste Liebe, körperliche Veränderungen und die Frage, wer man ist und wohin man sich entwickeln möchte, beschäftigen auch die Schwestern Martha und Juna. Doch Cora Wucherer erzählt in ihrem Roman „All die Farben, all das Licht“ von viel mehr, denn die Geschwister stehen nicht nur an der Schwelle des Erwachsenwerdens, sie müssen außerdem mit dem viel zu frühen Tod der Mutter und Junas Krankheit leben. Sie leidet am seltenen Usher-Syndrom und wird bald komplett erblinden. Und obwohl man meinen könnte, dass gerade diese Schicksalsschläge die Mädchen näher zusammenrücken lassen, sprechen sie kaum ein Wort miteinander.

Gemeinsam allein

Cora Wucherers Schwesternpaar durchlebt einen Sommer, der vieles verändert. Abwechselnd begleiten wir die Ereignisse aus Sicht von Juna und Martha und sind den Schwestern so besonders nahe. Wir (ver-)zweifeln mit Juna, deren Seh- und Hörvermögen sich zunehmend verschlechtert, die aber dennoch versucht, an ihrer großen Leidenschaft für die Malerei festzuhalten und einen Weg auf die Kunsthochschule zu finden. Mit Martha erleben wir eine erste große Unabhängigkeit, wenn sie sich einen Job im Kino erschleicht und damit einen Schritt aus dem Schatten ihrer Schwester weichen kann. Wir fühlen mit ihr das Kribbeln der Verliebtheit und trauern zusammen um ihre Mutter, die am Tag ihrer Geburt gestorben ist. Voreinander behalten die Schwestern ihre Gedanken und Gefühle jedoch für sich – und das, obwohl sie nicht nur durch das geteilte Zimmer in der kleinen Familienwohnung eng miteinander verbunden sind. Eine Reise nach Schweden verändert schließlich die Dynamik zwischen den Schwestern und bringt einige Umbrüche mit sich.

„All die Farben, all das Licht“ ist ein Romandebüt, das mich tief berührt hat. Ich bin selbst mit Schwestern aufgewachsen und weiß, wie groß die Konflikte untereinander sein können – doch auch, wie bedingungslos der Zusammenhalt, die Komplizenschaft, die Freundschaft und die Liebe zwischen Schwestern sein kann. Wucherer hat mit Martha und Juna zwei Figuren geschaffen, die man um ihr Los bedauert, mit denen man fühlt und doch nicht immer Sympathie für sie empfinden kann – so ging es mir in Bezug auf Juna, die ihrer jüngeren Schwester häufig so wenig Verständnis und Freundlichkeit entgegenbringt. Aus den wechselnden Perspektiven, der Kombination kleiner Ärgernisse des Erwachsenwerdens und den schweren Schicksalen sowie der komplizierten Beziehung der Mädchen, die die vielen Facetten der Schwesternschaft zeigt, entsteht eine Erzählung, die fesselt.

Über Liebe in all ihren Farben

Der jungen Autorin gelingt es nicht nur, das schwierige Verhältnis der Schwestern nahbar und authentisch darzustellen. Ein Kapitel des Romans widmet sie auch dem Vater der Mädchen, der bis dahin eine Randfigur ist. In Marthas und Junas Schilderungen erscheint Vater Georg abwesend und das nicht nur, weil er viel arbeitet. Auch scheint er sich nur wenig mit den Sorgen seiner Töchter auseinanderzusetzen – ein Gefühl, das insbesondere Martha prägt. Doch ebenso wie seine Töchter ist auch Georg vom Verlust seiner großen Liebe, der Mutter seiner Töchter, und der Sorge um Juna schwer gezeichnet. Der Blick aus seinen Augen hat mich – vielleicht besonders in meiner Rolle als Mutter – sehr berührt.

 „All die Farben, all das Licht“ ist eine Geschichte über die Liebe zwischen Schwestern – möge sie auch noch so kompliziert sein –, über romantische Liebe und die Liebe zwischen Eltern und Kindern; ein Roman über die Liebe zum Leben und zur Kunst. Er ist mitreißend, macht traurig und glücklich zugleich und vergisst dabei nicht, seinen Leser*innen immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Eine absolute Leseempfehlung!

All die Farben, all das Licht. Cora Wucherer. Klett-Cotta. 2026.

Melanie Trolley

Melanie Trolley

Die Leidenschaft für das geschriebene Wort hat Melanie nach Bremen und dort an die Uni verschlagen. Das Studium der Germanistik hat ihr einen veränderten Blick auf Bekanntes ermöglicht, die Augen für Neues geöffnet und Begeisterung fürs Bilderbuch entfacht. Als Texterin arbeitet Melanie täglich daran, die richtigen Worte zu finden – im Beruf vorerst ohne literarische Berührungspunkte.

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