In dem Roman „Herzflut“ führt uns Charlotte Paradise in die Welt von Sara. Sie ist 25, klug, schlagfertig und wohnt im belebten London. Auf einer Party trifft sie Miles. Während sich ihre Beziehung vertieft, stehen die beiden vor neuen Herausforderungen und der Frage: Wie lässt sich der Umgang mit Angst vor Intimität in einer Beziehung gestalten? – Von Bücherstädterin Alica
Der Stellenwert von Intimität
Zu Beginn von „Herzflut“ wird man direkt in die Welt der 25-jährigen Sara geworfen: WG-Leben mit der besten Freundin in London, ein stabiler Job, Pub-Abende, eine Freundesgruppe – und die Angst.
„Sie kam sich schon immer zwiegespalten vor – warm und doch kalt, freundlich und doch wertend, schüchtern und doch wagemutig. Sie ist voller Gegensätze, weiß aber nicht, was diese Gegensätze auslöst.“ (S. 10)
Sara und Miles lernen sich über ihre gemeinsamen Freund*innen kennen. Sie daten drei Monate lang, ohne jegliche Berührung. Mit der Zeit wächst die Verbindung des Paares, gleichzeitig nehmen jedoch auch die Herausforderungen innerhalb ihrer Beziehung zu. Dabei rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt: Welchen Stellenwert hat oder sollte körperliche Intimität in einer Beziehung überhaupt haben?
„Sie sagt sich, dass es möglich ist, eine Beziehung zu führen, ohne zu sterben.“ (S. 92)
Charlotte Paradises Schreibstil ist leicht und stellenweise fühlt es sich so nah an wie ein Tagebuch. Durch Perspektivwechsel erhält man einen gelungenen Einblick in die Gefühlswelten von Sara und Miles. Vor allem die bildhafte Sprache der Autorin hat mir gefallen. Die Symbolik von Meeresgrund und Flut zieht sich sinnbildlich durch die Handlung und stellt schließlich auch eine Verbindung zum Buchtitel „Herzflut“ her.
Kann man nur alleine heilen?
Gemeinsame Dates, Zeit mit der Freundesgruppe, Übernachtungen beieinander, ein Kurztrip, das Kennenlernen der Familien und Geburtstage bilden die Handlungsräume des Romans. Miles versucht zunehmend, Saras Ängsten mit Verständnis und Akzeptanz zu begegnen. Doch im Verlauf der Erzählung werden sowohl Sara als auch Miles mit ihren eigenen Heilungsprozessen konfrontiert. Und sie müssen sich fragen, wie sie zueinanderfinden können, wenn persönliche Heilung vor allem eines braucht: Zeit.
Spannend und dennoch in einem ruhigen Tempo werden grundlegende Beziehungsfragen zu Normen, Werten wie Veganismus, gemachten Kindheitserfahrungen sowie deren Verknüpfung mit der Dynamik von Verlangen, dem Verständnis für mentale Gesundheit und der Ernsthaftigkeit, mit der damit umgegangen wird (oder eben auch nicht), ausgehandelt. Thematisiert werden vereinzelt auch die Wichtigkeit von Freund*innenschaft und die dazu eher negativen Gefühle der Protagonistin im Verlauf der Handlung, denn sie distanziert sich zunehmend von ihrer Freundesgruppe.
„Von der Wärme ihres Liebhabers, der kein Liebhaber ist, wird das Zimmer immer undurchdringlicher. Sie spielt in Gedanken noch einmal ihre Grenzen durch, den Witz, der kein Witz war, und die Bewegung seiner Schulterblätter, als er sich von ihr wegdreht.“ (S. 248)
Was prägt uns und was bleibt?
Der Roman rückt ein besonderes Thema in den Vordergrund: das Bedürfnis nach Intimität und gleichzeitig das Gefühl, diese nicht zulassen zu können. Die Geschichte entwickelt sich jedoch dahingehend, dass deutlich wird, dass die Protagonistin schwere Traumata erlebt hat, die ihr gegenwärtiges Empfinden und Verhalten prägen. Die Handlung bietet definitiv eine neue Perspektive auf die Frage des Stellenwerts von (körperlicher) Intimität und gibt neue Impulse!
Herzflut. Charlotte Paradise. Übersetzt aus dem Englischen von Wiebke Pilz. Pola Verlag. 2026.
Triggerwarnung: Im Roman „Herzflut“ werden verschiedene sensible Themen behandelt. Genauere Informationen hierzu findest du auf den erst Buchseiten. Bitte achte gut auf deine Grenzen und entscheide selbst, ob du Paradises Erzählung lesen möchtest.




0 Kommentare