Anneke Lubkowitz erzählt in ihrem Sachbuch „Rebellinnen zu Fuß“ von wandernden Schriftstellerinnen – Frauen, die dem „Wanderer über dem Nebelmeer“ und seinen männlichen Kollegen mehr als ebenbürtig sind, findet Buchstabenakrobatin Melanie.
„Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich kommt wohl vielen in den Sinn, wenn nach Wandernden in Literatur oder Kunst gefragt wird. Kaum jemand wird zuerst an eine Wanderin denken. Und das ist kein Wunder, denn lange galt der Naturraum – abseits des Gartens – als Männerdomäne. In historischen und literarischen Betrachtungen des Wanderns spielten Frauen nur selten eine Rolle. Doch ist das so, weil es in Kunst und Literatur keine Wanderinnen gab beziehungsweise gibt? Oder haben wir es hier mit einem Übersehen oder gar Ausblenden zu tun, das nicht zuletzt auf der lange Zeit männlich dominierten Forschung basiert?
Literaturwissenschaftlerin Anneke Lubkowitz hat sich diese und andere Fragen gestellt und sich auf die Suche nach Wanderinnen und vagabundierenden Frauen in der Literaturgeschichte begeben. In ihrem erzählenden Sachbuch „Rebellinnen zu Fuß“ berichtet sie von ihren Recherchen, von ihrer eigenen Wandlung von der Stubenhockerin zur Wanderin und über wandernde Schriftstellerinnen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Anhand dieser literarischen Spurensuche zeigt sie, dass Wandern sehr viel mehr ist als das Erobern von Landschaften. Es geht um Autonomie und Freiheit – und darum, wie vielfältig Frauen Natur erleben.
Die Verbindung aus persönlichen Anekdoten rund um das Wandern, ihren Recherchen für diese Buch und kultur- und literaturgeschichtlichen Erkenntnissen macht dieses Buch ebenso informativ wie unterhaltsam. Schnell vergisst man beim Lesen, dass man ein Sachbuch in Händen hält, das Sophie von La Roche, Bettina Brentano, Karoline von Günderrode, Mary Shelley, Annette von Droste-Hülshoff, Mathilde Franziska Anneke, Emmy Hennings, Else Lasker-Schüler, Simone de Beauvoir, Annemarie Schwarzenbach und Octavia E. Butler auf ihren Wanderungen begleitet, ihre literarischen Ausführungen hierzu unter die Lupe nimmt und eine Vielzahl kulturhistorischer Erkenntnisse enthält. Vielmehr entsteht der Eindruck, einer Erzählung Lubkowitz‘ zu lauschen, die vor Begeisterung für ihr Thema sprüht.
Der erzählende Ton, der Verzicht auf Fußnoten und Belege (diese finden sich gesammelt am Ende des Buches) sowie eine objektive, wissenschaftstypische Sprache machen den Text zugänglich, leicht lesbar und auch für Leser*innen ohne akademischen Hintergrund ansprechend. Eine absolute Empfehlung für alle, die mehr als nur die männlichen Wanderer kennenlernen wollen. Denn ihre Kolleginnen haben weit mehr zu bieten als sittsame Spaziergänge in Gärten und Parks.
Rebellinnen zu Fuß. Auf den Spuren von elf literarischen Wanderinnen. Anneke Lubkowitz. Kein & Aber. 2025.




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