Ulli Lust schreibt und illustriert in zwei äußerst informativen und visuell beeindruckenden Büchern mit dem Titel „Die Frau als Mensch“ über einen Teil der Frauengeschichte, der zu wenig Beachtung findet. – Von Bücherstädterin Vesa

„Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte“

Dieses Buch fesselte mich mit seinem ansprechenden Illustrationsstil und der interessanten Prämisse sofort. Nach den ersten Kapiteln war ich mir zunächst nicht sicher, ob es sich um ein Sachbuch handelte, da es sich wie eine herkömmliche Graphic Novel las. Doch ich irrte mich: Das Buch führt die Leser*innen behutsam an die komplexen Informationen heran, indem es das Thema anhand persönlicher Anekdoten einleitet. In diesen Geschichten erfahren wir, was die Autorin zu diesem Projekt motivierte. Einer der ersten und eindrucksvollsten Sätze lautet:

„Der Begriff Scham ist im Deutschen zugleich Synonym für das weibliche Geschlechtsteil.“ (S. 30)

Mir wurde dadurch bewusst, wie stark die Sprache unsere Sicht auf Frauen und weibliche Körper prägt – ein Thema, das in diesem ersten Buch eine zentrale Rolle spielt. Ulli Lust legt Wert darauf, aufzuzeigen, dass Frauen der Vergangenheit, insbesondere der prähistorischen Zeit, ihren Körper nicht mit derselben Scham betrachteten wie wir heute. Sie präsentiert unzählige Abbildungen alter Kunstwerke und Statuen von Frauen, die ohne Scham dargestellt werden, so wie sie sind.

Ein weiterer häufig genannter Punkt ist die Fülle prähistorischer Frauenstatuen im Vergleich zu Männerstatuen. Warum stellen die ältesten Zeugnisse der Menschheit so oft Frauen dar, während sich dieses Verhältnis später zugunsten der Männer verschob? Ulli Lust erinnert sich an eine Vorlesung über Kunst der Eiszeit, in der ihr Professor diese Frage mit folgendem Satz beantwortete:

„Nun, das erklärt sich aus der Tatsache, dass Männer wichtiger waren als Frauen.“ (S. 18)

Man kann sich leicht vorstellen, dass diese Aussage nicht nur die Autorin, sondern auch alle anderen, die diese Vorlesung besuchten, beeinflusste. Ulli Lust widerlegt diese Aussage anschließend mit ihren Forschungsergebnissen: Sie zeigt, wie die frühen menschlichen Gemeinschaften aus einer weiblichen Perspektive ausgesehen haben müssen. Sie spricht jedoch nicht nur über die verdrängte Geschichte der Frauen, sondern beleuchtet auch Themen wie die Kolonisierung und Ausbeutung indigener Gebiete und zeigt dabei ein Verständnis für Intersektionalität.

„Die Frau als Mensch: Schamaninnen“

In dieser Fortsetzung konzentriert sich Ulli Lust, wie der Titel bereits andeutet, speziell auf alte schamanische Praktiken. Sie zeigt den Zusammenhang zwischen menschlicher Kultur und Magie auf: Kunst, Jagd, Ernährung, Leben und Tod. Indem sie die Beziehung der Frauen zum Leben (Gebären, Erschaffen von Leben) und zum Tod (Tod als Mensch, Tod als Jägerin) betont, enthüllt sie auch, dass viele, wenn nicht die meisten, Schamanen weiblich waren.

Das Buch dreht sich um dieselbe alte menschliche Gemeinschaft und wechselt zwischen Szenen aus ihrem Leben und informativen Abschnitten hin und her.

Ich fand diese Methode, die Aufmerksamkeit der Leser*innen zu fesseln, sehr gelungen. Die Informationen wirkten nicht überfordernd, da ihnen unmittelbar entspannte Szenen mit einfachen Gesprächen und Handlungen folgten.

Auch die Illustrationen verdienen großes Lob. Ulli Lust hat die Kunst, wunderschöne Landschaften zu zeichnen, wahrlich perfektioniert. Ich musste mitten im Lesen innehalten, um jedes einzelne Detail der seitenfüllenden Illustrationen zu bewundern.

Insgesamt haben diese Bücher meinen Blick auf die historische Darstellung von Frauen erweitert und mich dazu angeregt, mich zu fragen: Wer erzählt diese Geschichten? Was wird ausgelassen und warum? Es ist wichtig, solche Fragen zu stellen – und diese Reihe leistet hervorragende Arbeit, indem sie die Leser*innen aufklärt und eine Fülle von Quellen für weitere, eigenständige Recherchen bietet.

Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte. Ulli Lust. Reprodukt. 2025.

Die Frau als Mensch: Schamaninnen. Ulli Lust. Reprodukt. 2026.

Vesa Rama

Vesa Rama

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