Folgen eines Femizids: „Da, wo ich dich sehen kann“

von | 07.03.2026 | Belletristik, Buchpranger

Jasmin Schreibers Roman „Da, wo ich dich sehen kann“ ist keine leichte Lektüre: Eine Familie wird durch die schlimmste Folge häuslicher Gewalt erschüttert – einen Femizid. Zurück bleiben die Tochter, die Eltern und die beste Freundin des Opfers – ihnen gibt die Autorin eine Stimme. – Von Satzhüterin Pia

Ein Femizid bezeichnet die vorsätzliche Tötung einer Frau oder eines Mädchens – meist begangen von (Ex-)Partnern – die extremste Form von geschlechtsspezifischer Gewalt. Wie oft wird medial über die Täter gesprochen, deren Profil wird erörtert, ihre mutmaßlichen Beweggründe durchdacht – aber die getöteten Frauen und Mädchen geraten in Vergessenheit. Die Taten werden mit Begriffen wie „Familientragödie“ oder „bedauerliche Einzelfälle“, „Verzweiflungstaten“ oder „Ehedramen“ verharmlost – hier legt Jasmin Schreiber den Finger in die Wunde. In ihrem Roman „Da, wo ich dich sehen kann“ erzählt sie die Geschichte einer Familie, in der der Vater die Mutter, Emma, nach langen Jahren der psychischen und physischen Gewalt gezielt tötet. Die Autorin gibt Emmas liebsten Menschen eine Stimme: ihrer neunjährigen Tochter Maja, ihren Eltern, Brigitte und Per, und ihrer besten Freundin Liv.

Einblicke in häusliche Gewalt …

… und deren tödliche Folgen sind der Kern der Erzählung. Dabei wird der Roman nicht linear und chronologisch aufgebaut. Jedes Kapitel wird aus einer anderen Perspektive erzählt; auch Emma erhält beispielsweise durch Rückblicke eine Erzählstimme. Der Tat vorhergehende Situationen und Blicke hinter die Kulisse werden ebenfalls durch Rückblenden gezeigt. Die Geschichte beginnt mit Maja, die bei einer Therapeutin sitzt und von ihren Beweggründen erzählen soll, wieso sie in dem Haus ihrer Großeltern alle Spiegel zerschlagen hat. Das Trauma des zuvor lethargisch schweigsamen und abwesend scheinenden Kindes wird nach und nach deutlicher, ihre Gewissensnöte und Schuldgefühle werden beleuchtet, das Gefühlschaos sichtbar. Genauso bei den Großeltern mütterlicherseits, die nicht nur ihre Tochter auf schreckliche Weise verloren haben, sondern auch selbst mit Schuldgefühlen hadern und nun zudem für ihre junge Enkelin verantwortlich sind. Die beste Freundin Liv und ihre Hündin Chloé schaffen noch am ehesten einen Zugang zu dem traumatisierten Kind.

Signature Move: Wissenschaft

Was wäre ein Jasmin-Schreiber-Roman ohne Wissenschaft? Auch hier bringt die Autorin in geübter Manier wissenschaftliche Themen mit ein. Liv ist Astrophysikerin und schafft es, mit Maja zu connecten – über die Wunder des Universums, gemeinsames Sterneschauen und Wissensaustausch. Das Cover und der Titel greifen diesen Part wirklich schön auf – warum und wie genau, muss man selbst lesen, Astrophysik ist eben sehr komplex!

Das zarte Band zwischen Maja und Liv wird stärker und das ist wunderbar anzusehen. Gleichzeitig wird es sehr kritisch betrachtet und reflektiert beschrieben: Ab wann geht es wirklich um Liv und ab wann droht sie Ersatz-Emma zu werden, für die Eltern und fürs Kind? Das gelingt der Autorin wirklich gut, finde ich.

Was wäre, wenn?

Maja kämpft mit starken Schuldgefühlen, ein weiteres zentrales Thema im Buch. Sie hadert damit, wie sie ihrer Mutter den Vater vorgezogen hat, denn seine Gewalt war auch psychischer Natur. Systematisch hat er Maja und Emma entfremdet und sich in den Vordergrund gedrängt. Maja weiß nicht, wie sie damit umgehen soll, dass er doch nun offensichtlich der Böse ist, und sie ihn aber irgendwie noch liebhat (das lässt sich doch nicht einfach abstellen … oder?) – darf sie ihn denn noch liebhaben? Panikattacken und Selbstzweifel plagen die kleine Seele, es ist herzzerreißend.

Aber auch die Erwachsenen fragen sich, warum sie all die Zeichen übersehen konnten: Wo und wann hätten sie genauer nachhaken müssen und wie? Wo sich von Emma nicht einfach mit einem „Mir geht es gut“ und „Es ist nichts“ hätten abwiegeln lassen dürfen? Szenen von Rückblicken wechseln zu „Was-wäre-wenn“-Kapiteln, die in weiß auf schwarzen Seiten gedruckt sind und immer zu einem guten Ausgang führen: Emma wird aus ihrer Situation häuslicher Gewalt befreit.

Neben dem Wechseln der Erzählperspektive zwischen Maja, Brigitte, Per und Liv bekommt auch die Schwiegermutter eine Stimme – eine schwierige Perspektive: Was geht in Menschen vor sich, deren Kinder zu so etwas fähig sind? Weiterhin werden Protokolle vom Polizeinotruf, Obduktionsberichte und Gerichtsschreiben aufgeführt, die die Geschichte schmerzlich greifbar machen. Denn das ist es eben auch: Diese Taten passieren, diese Kinder gibt es. Und dann sind da auch noch selbstgemalte Bilder von Maja, die das Erlebte verarbeitet.

Leseempfehlung

Das Buch ist gut geschrieben, umfassend recherchiert, hat Tiefe und ist eindringlich. Es hallt nach und behandelt ein unfassbar wichtiges Thema auf eine wirklich gelungene Art und Weise: den Hinterbliebenen eine Stimme gebend. Vielleicht spürt man aber schon, dass Jasmin Schreiber, selbst kinderlos, sich in die Situation nur hineinversetzt, denn als Mutter einer 6-jährigen Tochter habe ich nicht damit gerechnet, das Buch insgesamt so gut lesen zu können – es blieb doch eine gewisse Distanz zu den Figuren. Ein bisschen was, ich kann auch nicht genau sagen, was, scheint zu fehlen, um einen letzten Step Distanz auch noch zu überbrücken. Aber eigentlich bin ich froh darum. Denn sonst hätte mich die Geschichte komplett zerfetzt.

Dieses Buch zu lesen, möchte ich jedem gerne ans Herz legen: Statistisch gesehen ist es fast unmöglich, keine Täter (oder Täterinnen, der Vollständigkeit halber) zu kennen. Diese Geschichte sensibilisiert, öffnet die Augen für feine Szenen und Hinweise und bringt ein dunkles Thema ans Licht, bei dem es unbequem ist, hinzugucken, aber Menschenleben bedeuten kann.

Da, wo ich dich sehen kann. Jasmin Schreiber. Eichborn. 2025.

Pia Zarsteck

Pia Zarsteck

Pias Liebe zur Literatur hat sie vor Jahren an die Uni Bremen geführt, wo sie bis zum Masterabschluss Germanistik studierte. Heute ist sie Vorsitzende im Bücherstadt e.V., Mama einer Tochter und beruflich ganz woanders unterwegs - aber immer noch vernarrt in Bücher und Spiele. Ein Leben ohne die Bücherstadt kann sie sich nicht vorstellen.

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