„Belly Up“ – Was uns ausmacht

von | 01.03.2026 | Belletristik, Buchpranger

Rita Bullwinkel schreibt in „Belly Up“ verschiedene, scheinbar unzusammenhängende Geschichten, die jedoch einen gemeinsamen Faden in den Themen Identität, Möglichkeiten, Impulsivität sowie Umgang mit Veränderungen erforschen. Auch werden Gefühle der Selbstfindung, Neugier, Angst, aber vor allem Trauer thematisiert. – Von Bücherstädterin Vesa

Einer der universellsten Aspekte menschlicher Existenz ist die Identität, das Innenleben des menschlichen Geistes. Wir verbringen unser Leben damit, unsere eigene Identität nach und nach zu entdecken und die der Menschen um uns herum kennenzulernen – und Rita Bullwinkel schildert dies eindrucksvoll in ihrem Erzählungsband „Belly Up“. Das Buch enthält sowohl authentische und von menschlichen Emotionen geprägte Geschichten als auch Erzählungen mit satirischen und fantastischen Elementen, die sich fast wie Fabeln lesen.

Ist das, was du siehst, wer ich bin?

Obwohl sich die Geschichten stark voneinander unterscheiden, legt die Autorin Wert darauf, bestimmte Themen hervorzuheben und immer wieder aufzugreifen – darunter die Identität: insbesondere im Hinblick auf die innere vs. die äußere Wahrnehmung. Ohne zu viel über die einzelnen Geschichten zu verraten, thematisieren einige die Idee, dass man so eng mit einem äußeren Objekt verbunden ist, dass es Teil der eigenen Identität wird. In manchen Fällen ist es ein Mensch, ein Ehepartner; jemand, ohne den man sich unvollständig fühlt, sodass andere einen als Einheit wahrnehmen. In anderen Fällen ist es ein Ort, den man so oft besucht, dass er einen festen Platz im Herzen einnimmt.

Doch wie steht es mit dem Unterschied zwischen der Fremd- und der Selbstwahrnehmung? Bullwinkel porträtiert viele Figuren, die von Außenstehenden ganz anders wahrgenommen werden, beispielsweise eine Frau, die aufgrund ihrer Schönheit und ihres Berufs als Möbelverkäuferin hauptsächlich als Möbelstück wahrgenommen wird – oder eine Schlange, die ihre Umgebung täuscht, indem sie sich als Birne ausgibt, bis sie es schließlich selbst glaubt. Das wirft die Frage auf: Welche Teile meiner Identität gehören mir, und welche wurden mir von anderen zugeschrieben? Nehmen mich meine Mitmenschen richtig wahr? Erlaube ich es ihnen, oder trage ich eine Maske, hinter der sich mein wahres Ich verbirgt? Diese Fragen stellen sich Bullwinkels Figuren immer wieder.

Was wäre, wenn?

Die Fragen hören damit nicht auf – tatsächlich besteht dieses Buch hauptsächlich aus Figuren, die sich selbst Fragen stellen. Erst wenn sie beginnen, diese zu beantworten, spielen Entscheidungen und Wahlmöglichkeiten eine größere Rolle. Manche Protagonisten setzen sich mit impulsiven Gedanken auseinander, mit dem Gedanken: „Was wäre, wenn?“ Diese Figuren erforschen die Schwelle zwischen Gedanke und Handlung und was es braucht, um diese Grenze zu überschreiten. Was geschieht, wenn eine Figur einem gefährlichen Impuls folgt? Ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit oder die Sicherheit anderer? Die Protagonisten unterscheiden sich darin, ob sie diesen Impulsen nachgehen oder nicht. Diese Impulsivität zeigt sich in einigen Zeilen, die unerwartet und absurd lustig sind. In der Geschichte „Schwarze Zunge“ denkt die Hauptfigur:

„Als meine Zunge die Kabel ableckte, dachte ich: Spaghetti.“ (S.37)

Wen kann man verlieren, bevor man sich selbst verliert?

Ein zentrales, wiederkehrendes Motiv ist Tod und Trauer. Eine Frau verliert ihren Mann und fühlt sich, als hätte sie einen Teil von sich selbst verloren; eine ganze Stadt ist bevölkert von „toten“ Menschen; eine Figur weiß um ihre nahende Todeszeit und lebt damit; Figuren erfahren von Todesfällen in der Ferne und verarbeiten diese auf unterschiedliche Weise. Die letzte Geschichte festigt dieses Thema endgültig: eine Séance, bei der eine Gruppe Fremder aus verschiedenen Gründen versucht, mit den Toten zu kommunizieren.

Insgesamt war dieses Buch eine sehr angenehme Lektüre, die mich zum Nachdenken anregte, z.B. darüber, wie stark die menschliche Identität von anderen Menschen geprägt wird. Unsere Identität existiert nicht im luftleeren Raum, sondern im Kontext all dessen, was uns umgibt.

Belly Up. Rita Bullwinkel. Übersetzung: Christiane Neudecker. Aufbau Verlag. 2026.

Vesa Rama

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