Buchstabenakrobatin Melanie hat sich in die Welt des Vampirismus gewagt. In „Bury Our Bones in the Midnight Soil“ hat sie eine interessante Mischung aus bekannten Vampir-Elementen, weiblicher Emanzipation und queeren Themen gefunden.
Dieser Winter kommt mir besonders lang vor. Doch die dunklen (und ungewohnt) kalten Abende laden zum Lesen ein und sind die ideale Voraussetzung für den knapp 700 Seiten umfassenden Vampirroman „Bury Our Bones in the Midnight Soil“ von V. E. Schwab. Zugegeben: Vampire sind nicht mein bevorzugtes Thema, doch auf Empfehlung habe ich mich an den neuesten Roman der vielgelobten Fantasyautorin gewagt.
Drei Frauen, drei Epochen, ein Schicksal
Im Zentrum der Geschichte stehen drei Frauen: Maria im Spanien des 16. Jahrhunderts, Charlotte im London der 1820er-Jahre und Alice im Boston des Jahres 2019. Während Maria und Charlotte – gefangen in den „Regeln“ ihrer jeweiligen Zeit – einen Ausweg aus dörflicher Enge, gesellschaftlichen Vorstellungen und erzwungenen Ehen suchen, stammt Alice aus einer vermeintlich freieren Zeit. Doch auch das Leben der jungen Studentin ist keinesfalls frei von Vorurteilen, Zwängen und Leid.
Leser*innen von „Bury Our Bones in the Midnight Soil“ können die Frauen in (vorerst) voneinander getrennten Kapiteln auf ihren Wegen begleiten. Schnell wird jedoch deutlich, dass die Figuren mehr verbindet als die Rebellion gegen die an sie gestellten Erwartungen. Sie alle werden zu Vampiren, sie alle haben einen unstillbaren Durst nach menschlichem Blut und sie alle empfinden erotische und emotionale Anziehung zu anderen Frauen. (In der Literatur bezeichnet man dies als sapphischen Vampirismus, ein Motiv, das bereits im Jahr 1872 durch die Novelle „Carmilla“ von Sheridan Le Fanu geprägt wurde.)
Erzählerische Abwechslung trifft Altbekanntes
Der Umfang des Romans erlaubt es Schwab, uns die Entwicklung der Vampirinnen sehr detailliert zu schildern. Die Autorin greift dabei auf unterschiedliche erzählerische Mittel zurück: Während wir Maria von Kindesbeinen an begleiten und einer chronologischen Erzählung folgen können, lernen wir Alice erst kurz vor ihrer Verwandlung kennen und erfahren durch Rückblicke von ihrem vorherigen Leben. Charlotte wiederum lernen wir erstmals – wenn auch unwissend – aus der Sicht von Alice kennen, bevor ihr eigene Kapitel gewidmet werden.
Aus den drei Zeitebenen und Handlungssträngen entwickelt sich im Laufe des Romans ein Ganzes, das das Leben (oder den Tod) der Frauen miteinander verbindet.
Trotz der Tiefe, die die Vampirinnen durch die detaillierte Erzählung erlangen, fiel es mir schwer, mit ihnen warm zu werden. Denn ihre Weiblichkeit nimmt ihnen nichts von der Brutalität, die auch ihren männlichen Kollegen innewohnt. Doch braucht es genau dieses Erfüllen klassischer Vampirvorstellungen, um sich weiblichen Klischees zu entziehen, Spannung zu erzeugen und dem Düsteren, das viele Vampirliebhaber*innen erwarten, zu entsprechen.
Kein Vampirfan – aber überzeugt
Zur Vampirliebhaberin hat mich V. E. Schwabs „Bury Our Bones in the Midnight Soil“ nicht gemacht – mit den untoten Blutsaugern werde ich einfach nicht warm. Auch das entschleunigte Erzähltempo hat den Roman für mein Empfinden an der einen oder anderen Stelle in die Länge gezogen. Und trotzdem kann ich die Erzählung um Maria, Alice und Charlotte nicht nur Vampirfans weiterempfehlen. Schwab entwickelt drei vielschichtige Figuren, die sich den Zwängen ihrer Epochen entgegenstellen und uns mit ihrem Mut zum Ausbruch ein Vorbild sein können. Die unterschiedlichen Erzählweisen bringen zudem Abwechslung, und die Verbindung der Erzählstränge ist geschickt gelöst. Wer sich auf eine düstere, queere Vampirgeschichte mit historischem Setting einlassen möchte, findet hier eine lohnende Lektüre.
Bury Our Bones in the Midnight Soil. V. E. Schwab. Aus dem amerikanischen Englisch von Petra Huber und Sara Riffel. Fischer TOR. 2025.




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