Leben im Umbruch

von | 07.03.2026 | Belletristik, Buchpranger

Worteweberin Annika hat drei Romane gelesen, die von Wendepunkten erzählen. Alle wurden von Frauen geschrieben, haben Frauen zur Hauptfigur und sind sehr empfehlenswert!

„Das Geschenk des Meeres“

Als Dorothy an einem Wintermorgen beobachtet, wie der Fischer Joseph einen bewusstlosen Jungen ins Dorf trägt, kehren lange verdrängte Erinnerungen schlagartig zurück: So sehr ähnelt der an Land Gespülte Dorothys Sohn, der vor zehn Jahren in einer Sturmnacht im Meer verschwunden ist. Während sie den Jungen bei sich aufnimmt, erinnert sie sich an ihre Ehe, ihre oft belastete Mutterschaft und ihre einzige wahre Liebe – ausgerechnet Joseph. Kann der angespülte Junge ihr dabei helfen, Vergebung zu finden und die Vergangenheit loszulassen?

Autorin Julia Kelly verbindet zwei Zeitebenen, sodass allmählich die Teile eines Bildes zusammenfinden. Im rauen Küstenort im Schottland des Jahres 1900 schildert sie ihr überschaubares Personal detailliert und liebevoll. Sie erzählt eine Geschichte von Reue, Liebe und den Wunden der Vergangenheit, die uns prägen. Denn so sympathisch uns Dorothy auch wird, ist sie doch geprägt von ihrer lieblosen Kindheit und verwundet unwillentlich die Menschen in ihrer Umgebung. Aber Julia Kelly lässt auch Raum für Heilung und Versöhnung. Spiegel dessen ist die schottische Küste, mal gischtumtoste Gefahrenquelle, mal beschaulicher Quell der Erholung. „Das Geschenk des Meeres“ ist ein atmosphärischer, psychologisch durchdachter Schmöker.

„Die Frau im lila Rock“

Wie wäre es damit, einen langen Winterabend dazu zu nutzen, ein Buch von vorne bis hinten durchzulesen? Dazu eignet sich der mit 128 Seiten wirklich schmale Roman „Die Frau im lila Rock“ von Natsuko Imamura. Die Sogwirkung des Textes entsteht vor allem durch eine clevere Erzählkonstruktion: Die rätselhafte Ich-Erzählerin, eine Frau in einer gelben Strickjacke, beobachtet die nicht minder seltsame Frau im lila Rock. Sie registriert, wie diese mal arbeitslos viel Zeit im Park verbringt, mal kurzfristig eine Arbeit ausübt – alles, ohne selbst wahrgenommen zu werden. Beide Frauen leben in derselben japanischen Nachbarschaft rund um ein Einkaufszentrum. Später beginnt die Frau im lila Rock durch einen Hinweis der Erzählerin eine Stelle als Zimmermädchen im selben Hotel. Doch schließlich geraten beide in eine Schieflage, die extreme Folgen hat.

Die Geschichte wird ruhig erzählt, enthält viele Leerstellen und fokussiert die Blicke der Frauen, die erzählerisch meisterhaft gelenkt werden – und Fragen aufwerfen. Wie kann die Erzählerin so viel über eine Fremde wissen, ohne von ihr oder den anderen Hotelangestellten wirklich wahrgenommen zu werden? Inhaltlich fließen Themen aus der (japanischen) Gesellschaft ein, darunter Armut, soziale Ausgrenzung und Machtstrukturen im Arbeitskontext. „Die Frau im lila Rock“ ist ohne umfangreiche Handlung ein toller Roman, der mich gedanklich lange beschäftigt hat.

„Acht Jahreszeiten“

Eine junge Mutter reist für die Beerdigung ihrer geliebten Großmutter nach Jahren im Exil zurück zu ihrer Familie: In Frankreich hat sie sich ein neues Leben aufgebaut, doch die Bande in die Finnmark, nach Márkannjárga im Norden Norwegens, sind stärker als gedacht. Im inneren Dialog mit der Tochter daheim reflektiert Marie auf der Reise und während der Tage im Norden ihre Herkunft als Sámi und ihren unbedingten Wunsch, Norwegen hinter sich zu lassen – auf Grund all der Kränkungen, des Rassismus und der Unterdrückungen, denen die Sámi in Skandinavien ausgesetzt sind. Doch wie frei kann sie sich machen, wie frei möchte sie sein und wie kann sie ihrem Baby daheim die Traditionen dennoch weitergeben?

„Du wirst in einer Zeit aufwachsen, die dir einzureden versucht, alles drehe sich nur um dich, und du wirst mit einer Mutter aufwachsen, die versucht, diesen Gedanken abzuschütteln.“ (S. 83)

In ihrem Roman „Acht Jahreszeiten“ seziert Kathrine Nedrejord ein komplexes gesellschaftliches Problem aus sehr persönlicher Perspektive, das leider (nicht nur) für uns Deutsche zumeist völlig unbelichtet ist. Verwoben mit einer klugen Reflexion über das Erzählen und Mutterschaft ist ein intensiver Roman entstanden, der wenig Handlung, aber ganz viel Stoff zum Nachdenken mitbringt.

  • Das Geschenk des Meeres. Julia Kelly. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann. mare Verlag. 2025.
  • Die Frau im lila Rock. Natsuko Imamura. Aus dem Japanischen von Katja Busson. btb. 2025.
  • Acht Jahreszeiten. Kathrine Nedrejord. Aus dem Norwegischen von Stefan Pluschkat. eichborn. 2025.
Annika Depping

Annika Depping

Als Chefredakteurin versucht Annika in der Bücherstadt den Überblick zu behalten, was mit der Nase zwischen zwei Buchdeckeln, zwei Kindern um die Füße und dem wuchernden Grün des Kleingartens im Nacken nicht immer einfach ist. Außerhalb der Bücherstadt ist Annika am Literaturhaus Bremen mit verschiedenen Projekten ebenfalls in der Welt der Geschichten unterwegs.

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