Lily King widmet sich in ihrem neuesten Roman „Herz König“ erneut der Liebe, der Literatur und den Verlusten, die unser Leben prägen. Worteweberin Annika ist der Geschichte auf den Campus und ins Krankenhaus gefolgt.
Im Frühjahr 2020 hat mich Lily King mit ihrem Roman „Writers & Lovers“ begeistert, auf die Veröffentlichung des nächsten Romans war ich nun also gespannt. „Herz König“ greift sechs Jahre später ähnliche Themen auf wie der letzte Roman – und nicht nur das, auch einige Figuren haben hier einen nächsten Auftritt! (Darüber werde ich aber nicht mehr verraten.)
„Du wusstest, eines Tages würde ich ein Buch über dich schreiben. Einmal hast du gesagt, ich hätte schon die ganze Hitparade durch, dich ausgenommen. Ich werde nie erfahren, wie du es erzählt hättest.“ (S. 9)
Auch eine Campus-Novel
Der Roman spielt nach einem kurzen, rahmenden Prolog auf drei verschiedenen Zeitebenen. Der erste, besonders atmosphärische Teil ist eine Campus-Erzählung: Die Ich-Erzählerin lernt in einem Seminar zur Literatur des siebzehnten Jahrhunderts Sam kennen – intelligent, gutaussehend, verschroben. Trotz eines holprigen Starts sind die beiden bald ein Paar. Sein bester Freund und Mitbewohner Yash vervollständigt das Trio, das zusammen nächtelang Karten spielt, aber dann in eine Dreieckskonstellation gerät: Während Sam sich als ungeeigneter Partner entpuppt, entdeckt die Erzählerin ihre Gefühle für Yash, natürlich nicht ohne Stolpersteine.
Kartenspiele, Partys, Leidenschaft, Seminare – diese Zutaten bestimmen den ersten Teil des Romans. Das Setting oft unbeschwert, der Ton leicht, jedoch durch Themen wie Schulden, Gewalt und familiäre Abhängigkeiten auch punktuell beschwert.
Erinnerungen, Verluste, verpasste Chancen
Der zweite, sehr viel kürzere Teil setzt dann viele Jahre später bei einem Wiedersehen zwischen Yash und der Erzählerin an. Verpasste Gelegenheiten, unausgesprochene Vorwürfe und eine anhaltende Sympathie zwischen den Figuren bestimmen das Treffen. Schließlich gibt es einen weiteren Zeitsprung einige Jahre in die Zukunft. Sowohl der Sohn der Erzählerin als auch Yash sind stark erkrankt. Wie kann eine Versöhnung aussehen? Und was zählt in den schwersten Stunden wirklich? Der letzte Teil ist durchaus melodramatisch, behält sich einen gewissen Witz aber bei.
Außerdem stellt dieser Teil die Frage danach, woran wir uns eigentlich erinnern und wo unsere Erinnerungen voneinander abweichen. Diese Frage hätte noch stärker motivisch aufgegriffen werden können, um den erzählerischen Bogen zu stärken, denn durch die verschiedenen Zeitebenen und den Rahmen des Prologs ist das Thema Erinnerung natürlich gesetzt.
Kings bestes Buch?
Auch wenn die New York Times Book Review auf dem Umschlag des Romans mit dem Statement „Ihr bisher bestes Buch!“ zitiert wird, wurden meine Erwartungen an „Herz König“ nicht komplett erfüllt – oder vielleicht hat sich seit „Writers & Lovers“ mein Leseverhalten auch geändert?
Lily King erzählt leichtfüßig, die Geschichte liest sich schnell, ist emotional und mehr als solide erzählt, aber sie hat mich nur an wenigen Stellen überrascht und wenig neue Themen eröffnet. „Herz König“ ist ein unterhaltsamer, trotzdem kluger, emotionaler Roman, bestens geeignet für die Sommerferien am Balkon!
Herz König. Lily King. Aus dem Englischen von Eva Bonné. C. H. Beck. 2026.




0 Kommentare