„Fast Abend, immer noch hell“ von Linea Maja Ernst erzählt von einer Freundesgruppe, die sich an der Uni kennengelernt hat und nun versucht, zwischen Kindern, Partnerschaft und Karriere die Freundschaft weiterhin zu führen. Jetzt treffen sie sich seit langer Zeit alle zusammen für eine Sommerwoche im Haus am See wieder. – Von Bücherstädterin Alica
Die frühere Freundesgruppe besteht aus Sylvia, Karen, Gry, Esben und Kvæde. Sylvia ist mittlerweile in einer Partnerschaft mit Charlie. Karen und Esben sind seit der Uni ein Paar. Gry kommt mit ihrem Ehemann Adam und ihren zwei Kindern und Kvæde kommt alleine in das Sommerhaus und ist gerade dabei, seine neue Transidentität auszuleben. Mit aktuellen Partner:innen und Kindern leben sie in dieser Woche zwischen alten und neuen Gefühlen und Gesprächen rund um Liebe, Sex, Queerness und Sehnsüchten. Doch wie lässt sich all dies miteinander vereinen, wenn mehrere Lebensentwürfe aufeinandertreffen?
Der Roman steigt direkt mit der Perspektive von Sylvia ein, die uns auch am meisten präsentiert wird. Die Handlung nimmt viel Tempo auf, da über die Seiten immer wieder Perspektivwechsel zwischen den Figuren stattfindet. Einblicke von Esben und Adam bleiben dabei jedoch zurück.
Mit den einzelnen Narrativen verfolgen wir die Gedankenwelt und was die Figuren beschäftigt. Sylvia hegt geheime Sehnsüchte, was Beziehungsdynamiken angeht, Gry will mehr sein als Mutter und Kvæde hinterfragt Gender und Liebe. Karen und Esben thematisieren im Verlauf nur wenig ihre Beziehung und Adam tritt nach außen nonchalant auf. Als dann Hochzeitspläne verkündet werden, der eigentliche Grund, weshalb sie in das Haus am See eingeladen wurden, beginnt sich die Dynamik im Haus zu verändern. Alle scheinen mit unterschiedlichen neuen oder alten Sehnsüchten konfrontiert zu werden und wollen gleichzeitig die Bindungen untereinander neu aufarbeiten.
Gesellschaftliche Debatten im schillernden Glanz
Linea Maja Ernst hat die einzelnen Figuren mit aktuellen Debatten und Entwürfen der Gesellschaft versehen: die Frau mit dem Fürsorgesyndrom, eine Frau, die sich auf alte Traditionen besinnt, eine queere Frau, die nicht weiß, wohin sie will oder eine eher stereotypisch lesbische Frau und der starke cis Mann oder das Transsein. Auch wenn die Themen schwer wiegen und viel Gesprächsstoff bieten, hat Ernst diese in poetischer Sprache verständlich thematisieren können.
„Ich will euch beide, oder vielleicht will ich auch nur mich selbst. Darf man so utopisch sein, in mehrere Richtungen gleichzeitig streben?“ (S. 159)
Eine Leseerfahrung wie ein Theaterstück
Die Sprünge zwischen den Narrativen empfand ich beim Lesen als eine total spannende Erfahrung. Es hat sich so angefühlt, als wäre man heimlich beim Gedankenstrom der Figuren dabei und hätte gemeinsame Geheimnisse vor den anderen Beteiligten. Dennoch hätte ich mir gerne noch mehr Interaktion in Dialogen zwischen den einzelnen Charakteren erhofft, denn so konnte ich mir zwar selbst Puzzleteile zusammensetzen, aber die Gespräche, die die Protagonist:innen führten, kamen mir zu kurz.
„Eigentlich nervt es Gry, wie in Sylvias intellektualisierter Welt alles zum Symbol wird, auf etwas anderes verweist. Und gleichzeitig macht es Spaß, mitten in dieser überspannten, affektierten Stimmung zu sein, die den Frühstückstisch und die beiden Frauen umgibt.“ (S. 37-38)
Was den Roman besonders ausgemacht hat, war der Schreibstil. Für mich wurden die Charaktere in ihren Facetten schillernd beschrieben, ehrlich, nahbar und mit Witz. Die ganze Szenerie hat sich märchenhaft entwickelt und das Leseerlebnis fühlte sich an wie ein verwunschenes Theaterstück.
Schließlich sind für mich das Aufmachen unterschiedlicher Lebensentwürfe und wie Ernst diese zusammengebracht hat, eine zugängliche Art, an diese gesellschaftlichen Themen ranzugehen. Am Schluss habe ich jedoch nicht ganz greifen können, wohin es gehen sollte – aber auch das ist stilistisch ziemlich gut begründbar, wie es eben auch in der Realität ist: kein Schwarz-Weiß, einfach fluide Wahrnehmungen von Lebensentwürfen und keine konkrete Antwort, vor allem, wenn es um die Liebe und Identität geht.
Fast Abend, immer noch hell. Linda Maja Ernst. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. S. Fischer. 2026.




0 Kommentare