Seit Donald Trump Interesse an Grönland angemeldet hat, ist die arktische Insel im Gespräch. Niviaq Korneliussen ist die erste grönländische Autorin, die mit dem Preis des Nordischen Rates ausgezeichnet wurde. Worteweberin Annika hat „Das Tal der Blumen“ gelesen.
Mal ehrlich: Was weiß ich über Grönland? Das ist immer noch erstaunlich wenig, habe ich festgestellt, und mich darum in der Literatur umgesehen. Niviaq Korneliussens Roman „Das Tal der Blumen“ hat mir Aufschluss über den Alltag junger Menschen in Grönland gegeben, insbesondere über einen besorgniserregenden Fakt: Grönland ist das Land mit der höchsten Suizidrate weltweit. Laut Internet unternehmen hier seit den 1990ern jährlich circa 10 % der Menschen zwischen 18 und 29 Jahren einen Selbstmordversuch. Korneliussen hat dies zum wichtigen Thema in ihrem Text gemacht.
Gebrochene Herzen
Die Ich-Erzählerin im Roman sieht auf Facebook regelmäßig Nachrichten voll gebrochener Herzen: Es sind Posts über Selbstmorde junger Grönländer*innen, einige kennt sie persönlich, einige nicht. Auch in ihrem direkten Umfeld haben sich bereits mehrere Personen das Leben genommen, darunter ihr bester Schulfreund. Und auch sie selbst hat alle Kraft zu leben verloren, als sie unter der Mitternachtssonne die junge Maliina kennenlernt. Nach einiger Zeit verlieben die beiden sich ineinander und werden ein Paar.
Für ein Studium in Dänemark verlässt die Erzählerin „die öde Insel am äußersten Ende der Welt“ (S. 54). Jedoch stellt sie fest, dass sie in Europa zunehmend den Halt verliert: Sie hat Schwierigkeiten mit den Studieninhalten und damit, von ihrer Lerngruppe angenommen zu werden, fühlt sich zu dick und vulgär unter den braven, schlanken Skandinavier*innen. Die Erzählerin fühlt sich einsam und entfremdet sich von ihrer Familie und auch von Maliina. Über Weihnachten reist sie zurück nach Grönland, um Maliina und ihre Familie in Ostgrönland zu besuchen, wo Maliinas Cousine sich gerade das Leben genommen hat. Hier schwankt die Erzählerin zwischen Zugehörigkeitsgefühl, Liebe und Entfremdung von ihrer Freundin und dem Leben. Im Tal der Blumen, auf dem Friedhof in Tasiilaq, fühlt sie sich angekommen. Doch bei ihrer Rückkehr nach Dänemark bricht das Leben der Erzählerin weiter auseinander…
Ein brutaler Roman
Niviaq Korneliussen erzählt schonungslos, direkt und brutal von einer ebenso brutalen Welt. Darum muss für „Das Tal der Blumen“ auch eine dringende Content Warnung ausgesprochen werden – die Themen Suizid, psychische Erkrankung und (sexuelle) Gewalt werden nicht beschönigt oder ausgespart, flankiert von Blicken auf Kolonialismus und Queerness. Die Psychologie der Figuren ist genau ausgearbeitet und sorgt für ein sehr intensives Leseerlebnis.
„Nach meinem Tod möchte ich von meinem ölschwarzen Blut gereinigt werden.“ (S. 244)
Eingebettet sind die harten Themen in ein cleveres Erzählkonstrukt: Die Kapitel werden von 45 abwärts zählend bis 0 nummeriert, jeweils eingeleitet zuerst durch sachliche Beschreibungen von Suiziden in der dritten Person, später Nachrichten an ein Du, dann Ich-Botschaften. Die Autorin arbeitet mit verschiedenen Motiven wie dem allgegenwärtigen Raben als Symbol für Tod und Unheil. Dieses Buch hat mich umgehauen und mir gezeigt: Grönland ist mehr als nur ein begehrtes Territorium, es ist die Heimat von Menschen mit gebrochenen Herzen.
Das Tal der Blumen. Niviaq Korneliussen. Übersetzung: Franziska Hüther. Btb. 2023.




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