Die kanadische Autorin Audrée Wilhelmy entführt die Leserschaft in ihrem Roman „Bluthaut“ in ein dunkles Märchen, das von einer Stadt zwischen den Wäldern erzählt und zugleich von der Geschichte einer Frau, die als Symbol für Freiheit und Begehren steht. – Von Bücherstädterin Alica
Zwischen Mystik, Begehren und verwobenen Erzählungen
Eingeleitet wird Andrée Wilhelmys Roman „Bluthaut” mit dem Tod seiner Protagonistin – hängend wie die Gänse, die sie zu rupfen pflegte. Mit dem Ende der Hauptfigur steigen wir ein in die verwobene Erzählung des Dorfs Kangoq, die nun rückblickend erzählt wird. Der Schauplatz des Romans ist die Werkstatt der Federfrau, die dort nicht nur Gänse oder Füchse empfängt und aufhängt, sondern auch Bewohnende des Dorfes: junge Mädchen, die sie auf das Frausein vorbereitet, einen Waisenjungen und eine Vielzahl an Männern aus dem Dorf – beispielsweise einen Arzt, einen Notar und den „Teufel“. Im Namen ihrer Vorgängerin Yaga bewahrt und kennt die Federfrau die tiefen Sehnsüchte, Geheimnisse und Gedanken der Einwohner:innen. Die Thematik, Frauen eine Stimme zu geben, erscheint in diesem Werk als Kern und prägt die fortlaufende Erzählung.
„[…] ich arbeite daran, ihn die Worte seiner Mutter vergessen zu machen, Worte von Frauen, die ihre Ohnmacht in seine Hände legen
– du bist ein Süßer
– ohne Boshaftigkeit
– du kennst die Zerbrechlichkeit, das Kristall, aus dem Frauen sind […]“ (S. 110)
Der Schreibstil des Romans ist geprägt von Gedankenstrichen, die als eine Polyphonie an Frauenstimmen verstanden werden können. Dieser Chor kommentiert, bringt neue Informationen zu den Handlungen und gibt noch tiefere Einblicke in die Innenwelt der Stadt und ihrer Figuren. Dieses Konstrukt aus Monolog oder im Dialog stehenden Stimmen fühlt sich beim Lesen so eindringlich und mystisch an, als wäre man selbst Teil dieses Austauschs. Die Handlung ist auch fernab dieses stilistischen Mittels wie ein Spinnennetz. Die Geschichten sind miteinander verwoben und ab und an ist es schwer, den Durchblick unter dem Schleier der Geschehnisse zu behalten, da viele Figuren ihren Platz in der Erzählung finden. Diese Vielfalt ermöglicht jedoch, mit jeder Seite mehr über die Figuren zu erfahren, die das Leben der Protagonistin begleiten. Stetig befindet man sich im Bann des Dorfes, das die Sehnsüchte der Bewohnenden innehat.
Wilhelmy schreibt in einer poetischen Sprache, sodass sofort Bilder entstehen, die man nur schwer wieder loswird. So kommt es zu Beginn dazu, dass die Federfrau zwei unterschiedliche junge Mädchen aufnimmt und sie mit ihrer Arbeit vertraut macht, wobei ein Waisenjunge Teil dieser Gruppe wird und zwischen ihnen wiederum eine neue Dynamik entsteht. Durch die Prostitution der Federfrau kommt es dazu, dass Gefühle wie Scham oder Schuld von Männern ebenfalls thematisiert werden. Dennoch ist diese weise und als frei dargestellte Protagonistin auch für viele Menschen im Dorf ein Störfaktor und zieht sich als roter Faden durch den Roman.
Wie entfesselt sich die Rolle einer Frau?
„Im Leben meiner Liebhaber bin ich das andere Kapitel, der kürzere Text, der des Verbotenen, des im Alltagsgerede verschluckten Möglichen […]“ (S. 99)
Die Federfrau als Figur in „Bluthaut“ spiegelt nicht nur das Frausein. Sie ist eine weise Hexe, Prostituierte, Mutterfigur, Mentorin, Arbeiterin und Liebhaberin – ein klarer Marker dafür, dass die Präsenz einer Frau mehr ist als das Bild, das in einer patriarchalen Welt von ihr porträtiert wird, und dass sprachliche wie geschichtliche Definitionen, die dem weiblichen Dasein genommen wurden, wieder zurückgeholt werden können.
Dies knüpft auch an unsere Gesellschaft an; an die Relevanz, den Austausch unter Frauen zu fördern, und an die Wichtigkeit, die hinter der Gemeinschaft steht. Was entsteht, wenn Frauen ihre Stimme erheben, ihre Sehnsüchte ausleben und sich frei artikulieren können?
„Ich seufze: dieser Tag ist lang von Männern, die zwischen ihrer Lust und ihrer Angst hin- und herwanken“ (S. 59)
Eine Hexe wie jede andere
Ich habe mich verloren in dieser Welt, zwischen hängenden Gänsen, dem Feuer und dem Schmutz, in der Werkstatt und den Worten und Gedankenfetzen des Frauenchors. Das Leseerlebnis fühlt sich an wie ein Gedicht, das niemals enden will und dennoch ein Ende finden muss, um alte Etiketten abzuwerfen und Platz für Neues zu schaffen. Manifestiert hat sich das für mich in der Darstellung des Frauenbilds, das versucht, gegen stereotype Verhaltensweisen zu arbeiten – wild und gleichzeitig zart.
Empfehlenswert für all diejenigen, die sich nach Mystik und Emanzipation sehnen und einmal ein Gefühl des Hexeseins erfahren wollen!
Bluthaut. Audrée Wilhelmy. Aus dem Französischen von Tabea A. Rotter. S. Matrix Verlag. 2025.




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