Tupoka Ogettes Memoir „Trotzdem zuhause“ ist eine Geschichte von Zweifeln und (Selbst)Findung, Empowerment und Ankommen – sie erzählt eine Geschichte eines Schwarzen Kindes in der DDR. – Von Satzhüterin Pia
Tupoka Ogette erzählt ihre Geschichte in kurzen Kapiteln, die Personen, Zeiten, Erinnerungen oder Oberbegriffe wie „Freiheit“ beleuchten. Sie erzählt in einem bemerkenswerten Detailreichtum, zeigt eine scharfe Beobachtungsgabe auf die Welt, die Gefühle, die Feinheiten der Erzählung – so entsteht ein Sog, aus dem man sich kaum entziehen kann.
„So beginnt meine Geschichte. Als Tochter einer weißen Frau und eines Schwarzen Mannes. Zwischen Sange, Südtansania, und Gera, Thüringen. Zwischen kolonialer Vergangenheit und DDR Diktatur.“ (S. 21)
Eine Kindheit in der DDR prägt schon hinlänglich, aber die Unterschiede, die eine Realität als Schwarzes Kind in diesem Umfeld zwangsläufig mit sich bringt, sind eklatant. Schon auf den ersten 20 Seiten versetzen mich die Art und Weise mancher Menschen zu reagieren oder zu sprechen in Erstaunen – Fremdscham und Unglaube machen sich breit. „Der Vorname meiner Großmutter löst oft ein ungläubiges Lachen aus. »Ha, wie heißt denn eine Frau im tiefsten Afrika, hinter den sieben Bergen, Erika?«, fragt meine Geschichtslehrerin in der fünften Klasse. Ja, Frau Richter, wie kommt das wohl?“, schreibt Tupoka Ogette auf Seite 19. Eine Geschichtslehrerin sollte über Kolonialzeiten und das Eindeutschen von Namen wohl Bescheid wissen, möchte man meinen.
Rassismus, Sexismus, Gewalt
Viele – zu viele – der kleinen Szenen, die Tupoka Ogette nebenbei erzählt, sind so ungeheuerlich, dass es umso schwerer wiegt, dass sie wie kleine, unwichtige Anekdoten erwähnt werden. Es sind Szenen, die schlimm sind, den menschlichen Abschaum zeigen und durch ihre beiläufige Erwähnung noch gewichtiger werden. Denn sie werden nicht wie große Geschichten erzählt, sondern wie Nebensächlichkeiten – weil sie das „Normal“ für ein Schwarzes Mädchen in Ostdeutschland sind Das Zitat auf der Rückseite des Buches von Daniel Schulz trifft es perfekt, wie ich finde: „Dieses Buch ist die Erzählung, ohne die die Geschichte der deutschen Vereinigung nicht vollständig ist.“
Tupoka Ogette erlebt nicht nur Rassismus, sondern auch viel Sexismus und unterschiedliche Formen von Gewalt – ihre Geschichte beinhaltet Erfahrungen mit Ausgrenzung, Fettfeindlichkeit und so vielem mehr. Bevor sie ihre Geschichte zu erzählen beginnt, gibt es eine Art Contentwarnung, die sehr dabei hilft, den Text schon vorher etwas einordnen zu können.
Der Schreibstil ist fesselnd. Jedes Wort sitzt, die kurzen Kapitel sind dicht und fokussiert, der Stil nicht nur schonungslos offen, sondern auch kraftvoll und poetisch, manchmal nüchtern erzählend.
Klarer Buchtipp
„Trotzdem zuhause“ ist wie ein intensiver, fesselnder, packender und emotionaler Strudel an Erinnerungen – ein Sog, der einen packt, und vor allem auch lange danach nicht loslässt. Wer die Autorin und Beraterin für Rassismuskritik in ihren Videos oder den selbst eingelesenen Hörbüchern auch stimmlich gut kennt, wird sie in diesen Zeilen ihrer Memoir wiederfinden: Beim Lesen hatte ich Tupoka Ogettes Stimme im Kopf – sie erzählte mir ihre eigene Geschichte. Danke für diese Offenheit, diesen Mut und dieses Buch, ich wünsche ihm unendlich viele LeserInnen.
Trotzdem zuhause. Tupoka Ogette. Penguin Verlag. 2026.




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