Über fünf Romane der Longlist des Deutschen Buchpreises

von , | 26.10.2026 | Belletristik, Buchpranger

Der Deutsche Buchpreis bewegt jedes Jahr die Gemüter: Wer schafft es auf die Longlist, wer erhält am Ende die Auszeichnung? In diesem Jahr haben Buchstabenakrobatin Melanie und Worteweberin Annika mitgefiebert und einige Titel auf der jungen, diversen Longlist entdeckt. Ausgezeichnet wurden diese Romane am Ende nicht – aber wenn alle nur noch das eine Buch besprechen, wird es ja auch langweilig…

„Mit beiden Händen den Himmel stützen“

Bereits der erste Absatz von Lilli Tollkiens „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ schockiert, denn für Ich-Erzählerin Lale beginnt das Leben schon im Mutterleib mit einem gescheiterten Heroinentzug. Der Sorge der Mutter entzogen, wächst sie in den 80er Jahren in einer Berliner Männer-Kommune auf – eine Gruppe Revoluzzer, die in der Vernachlässigung des Mädchens eine Form antiautoritärer Erziehung sehen und vor dem Missbrauch, den es in der Wohngemeinschaft erleiden muss, die Augen verschließen. Zwischen Freude über die Regellosigkeit und der Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit versucht Lale, ihren Platz im Leben zu finden.

Nicht nur thematisch zieht Tollkiens Debüt in seinen Bann. Auch die besondere Erzählweise lässt einen Sog entstehen, dem man sich kaum entziehen kann. In schneller Folge, häufig in kurzen, schnörkellosen Sätzen, zieht uns die Ich-Erzählerin durch ihr Leben. Trocken, stellenweise fast sachlich, schreibt sie von sexuellen Übergriffen, dem Tod nächster Angehöriger und dem Rausch durch Drogen und Alkohol. Zugleich erfahren wir durch die stets von Lale ausgehende Perspektive von der tiefen Empfindsamkeit der Erzählerin, von ihrem feinen Gespür für die Stimmungsschwankungen der Männer, von denen schnell Gefahr ausgehen kann, und von ihrer sensiblen Wahrnehmung der Welt (vermutlich eine Form von Neurodivergenz).

Gespickt mit Musik, Film und Literatur der 80er und 90er Jahre eröffnet der autofiktional geprägte Roman einen Blick auf die linke Szene Berlins, die keinesfalls ein sicherer Ort war, denn patriarchale Strukturen, Ungerechtigkeit und Gewalt sind auch hier vertreten. Dennoch ist der Roman keine Kampfansage – weder an die linke Szene noch an den Mann, betont auch Tollkien in einem Interview. Und letztlich entlässt uns Lale, der es immer wieder gelingt, Witz und Humor in ihren Lebensbericht einfließen zu lassen, mit Hoffnung. Ein Debüt, das seinen Platz auf der Longlist absolut verdient hat. (bm)

„Anton und Alma“

Was ist eigentlich „gute“ Literatur? Nicht erst, wenn es um die Verleihung des für die Buchverkäufe wichtigsten Literaturpreises in Deutschland geht, ist das eine spannende Frage. Für mich ist es eine Frage, die sich an Dana Vowinckels Roman „Anton und Alma“ gut diskutieren lässt: Ich persönlich habe diesen Roman sehr gerne gelesen – wie eine NetflixSerie ist er emotional nah an seinen Figuren, wechselt zwischen den kurzen Kapiteln die Perspektive von der einen zur anderen Hauptfigur. Es geht um Alltägliches, das Familienessen bei den Eltern, Streitereien, Sex, neue Freundschaften, die Liebe, ein Auslandssemester in Amerika. Daneben erzählt Dana Vowinckel vom Jüdisch-Sein in Deutschland (Antons Perspektive) vor und nach dem 7. Oktober und davon, zum Judentum konvertieren zu wollen (Almas Perspektive), unterfüttert mit theoretischem Fachwissen (Antons Forschung an der Uni) – Themen, die in der deutschsprachigen Literatur wenig vorkommen und der diesjährigen, divers besetzten Long- und Shortlist gut zu Gesicht stehen. Zu guter Letzt wartet die Geschichte mit einem Knalleffekt am Ende auf. Das alles funktioniert. „Anton und Alma“ ist ein bewegender, unterhaltsamer Roman über die Liebe zweier junger Menschen zwischen Berlin und New York.

Aber: Literarisch ist Vowinckels Roman keine Offenbarung. So wie auch die gängige Netflix-Serie ist die temporeiche Erzählung reich an gut geschriebenen Dialogen, handwerklich solide, aber wenig überraschend. Und das ist in Ordnung, weil „Anton und Alma“ ganz andere Qualitäten mitbringt. Temporeich und gegenwärtig nimmt es unsere Zeit in den Blick und hält Leser*innen bei der Stange, deren Seh- und Lesegewohnheiten an Netflix-Serien geschult sind. Bei 542 Seiten ist das unbedingt nötig. Nun steht die junge Autorin Vowinckel mit dem Roman auf der Shortlist, das Feuilleton jubelt und mir stellt sich einzig die Frage, ob es das auch ohne die Buchpreisnominierung täte? (wa)

„Nelka“

Svenja Leibers Roman „Nelka“ begleitet die titelgebende Protagonistin Nelka von Lwiw in der heutigen Ukraine aus auf einen Hof in Norddeutschland – sowohl im Jahr 1941 als zwangsverschleppte Sechzehnjährige als auch mit über 60 Jahren, als sie zurückkehrt, um dem Gutsverwalter Marten erneut in die Augen zu sehen. Was zwischen Marten und ihr vorgefallen ist, enthüllt sich nach und nach: So fühlt sich Marten von der ersten Begegnung an zu Nelka hingezogen und lässt sie schließlich im Gutshaus einziehen – wo sie einerseits sicherer vor anderen Gefahren ist, dafür aber auch Martens sexuellen Übergriffen ausgesetzt ist. Fünf Jahrzehnte später konfrontiert Nelka Marten nicht mit Worten, sie begegnet ihm bei einem Abendessen mit Schweigen und beschwört so bei beiden Erinnerungen herauf.

Welche Gräueltaten die Zwangsarbeiter*innen aushalten mussten, erzählt Leiber nicht durchgängig aus, lässt in poetischer Sprache Andeutungen für sich stehen, und beschwört doch eine Atmosphäre der Bedrohung, Gewalt und des Missbrauchs herauf. Die Gewalt wirkt bei Protagonistin Nelka auch 50 Jahre später nach. Einzelne Freundschaften zwischen den Frauen hingegen treten im Roman leuchtend hervor und verleihen den Figuren die nötige Kraft, um die Jahre der Ausbeutung zu überstehen. Daneben stehen die Äpfel, die Nelka einerseits mit ihrem Vater verbinden, der im damaligen Polen als Pomologe (Apfelkundler) arbeitete, die aber auch Marten und Nelka miteinander verbinden.

Svenja Leiber ist ein kraftvoller, behutsamer Roman gelungen, der ein Stück Geschichte hervorholt, das in der norddeutschen Landschaft überall präsent ist, aber in der Erinnerungskultur nur selten vorkommt. Absolut zurecht steht sie damit auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. (wa)

„Aus anderem Holz“

Wer kennt sie nicht, die Erzählung von der Holzpuppe Pinocchio, die zu einem richtigen Jungen wurde? Doch was wurde eigentlich aus dem Jungen und seinem Vater Geppetto? Giuliano Musio erzählt die (mögliche) Geschichte des Duos und platziert sie in den späten 1980er Jahren in Italien. Hier erfährt der 25-jährige Pinò nach einem Unfall seines Ziehvaters Geppetto endlich mehr aus dessen Vergangenheit – und von seinem verstorbenen Sohn. Doch auf der Suche nach Antworten riskiert er, sein eigenes Geheimnis zu verraten, denn Pinòs Leben begann in einem Stück Holz.

Auf den Spuren der Vergangenheit reist Pinò mit seinem Vater in die Region Bergamo und stößt hier nicht nur auf alte Bekannte Geppettos, die Pinò für dessen verstorbenen Sohn halten. Er erfährt auch von der Brigate Rosse, einer kommunistischen Terrororganisation, die in den 1970er und 80er Jahren zahlreiche Morde, Überfälle und Entführungen verübte. Doch was hat all das mit seinem heute tiefreligiösen Vater zu tun? Wer ist der geheimnisvolle Omero Burro? Und warum machte Geppetto stets ein Geheimnis aus dem Tod seines Sohnes?

Musio verbindet den Pinocchio-Stoff geschickt mit der Last der Herkunft, mit Religiosität und politischem Fanatismus, mit Schuld und dem Wunsch nach Selbstbestimmung. Der Roman ist eine Mischung aus historischer Wirklichkeit und Märchenstoff. Musio spielt mit (religiöser) Symbolik, mit fantastischen Elementen und der Verletzlichkeit des menschlichen Körpers – der Pinò keinesfalls ein Happy End garantiert hat, wie es der Ausgang des alten Pinocchio-Märchens vermuten lässt. Ein Roman voller Spannung(en), den zu lesen ich sehr empfehlen kann – eine verdiente Platzierung auf der Longlist. (bm)

„Glaszeit“

Wie gelingt die Auseinandersetzung mit jemandem, der abwesend ist? Und wie kann man Tochter sein, wenn die eigene Mutter einfach abgehauen ist? Nach 18 Jahren steht Novana, die Protagonistin in Leh-Wei Liaos Roman „Glaszeit“, ihrer Mutter plötzlich wieder gegenüber – lebensgroß auf einer Videowand in Taipeh. Hierhin ist Novana ausgewandert, nachdem das Leben mit Partner und Zieh-Bruder Theo in Deutschland sich nicht mehr richtig angefühlt hatte. Es ist ein Leben, das ständig um die abwesende Mutter kreist, sich an den Leerstellen und Narben abarbeitet, die das toxische Zusammenleben mit ihr bereits hinterlassen hat. Ist daneben Raum für eine neue Liebe? Und braucht es in diesem Leben eine Konfrontation mit der Mutter, die als Künstlerin für eine Ausstellung über „Regretting Motherhood“ nach Taiwan gekommen ist?

In Taiwan arbeitet Novana auf einer Neugeborenenstation, sodass im Roman ganze Kapitel um Babys wie Bin-Bin und Lianlian kreisen, ihre Diagnosen, Behandlungsmöglichkeiten, die Apparate, an die sie angeschlossen werden, und um Fragen nach ihrem (Über-)Leben. Sie sind in medizinischer Fachsprache geschrieben, ist die Debütautorin doch selbst auch Ärztin, und entfalten ihre eigene, durchaus auch eigenartige Poesie. Daneben stehen Passagen auf Mandarin, die uns Leser*innen in ihrer Unverständlichkeit ganz in den taiwanischen Alltag eintauchen lassen, den Liao darüber hinaus sinnlich in Worte fasst, Gerüche und Geschmäcker einfängt. Auch die Bedrohung einer chinesischen Invasion, die Desinformationskampagnen und Bürgerinitiativen, die das Leben in Taiwan prägen und uns Deutschen eher unbekannt sind, sind ein Thema des Romans und definitiv eine weitere seiner Stärken.

Leh-Wei Liao erzählt ruhig und dicht von verschiedenen Formen der Liebe, vom Suchen nach ihr und auch davon, was ist, wenn sie ausbleibt. Für mich ein Debütroman, der zurecht auf der Longlist stand und der schon jetzt Lust macht auf mehr von der Autorin. (wa)

Der Deutsche Buchpreis 2026 wurde auf der Frankfurter Buchmesse an Shida Bazyar und ihren Roman „Die Lücken“ verliehen.

  • Mit beiden Händen den Himmel stützen. Lilli Tollkien. Aufbau Verlag. 2026.
  • Anton und Alma. Dana Vowinckel. Suhrkamp. 2026.
  • Nelka. Svenja Leiber. Suhrkamp. 2026.
  • Aus anderem Holz. Giuliano Musio. Luftschacht Verlag. 2026.
  • Glaszeit. Leh-Wei Liao. Luchterhand. 2026.
Annika Depping

Annika Depping

Als Chefredakteurin versucht Annika in der Bücherstadt den Überblick zu behalten, was mit der Nase zwischen zwei Buchdeckeln, zwei Kindern um die Füße und dem wuchernden Grün des Kleingartens im Nacken nicht immer einfach ist. Außerhalb der Bücherstadt ist Annika am Literaturhaus Bremen mit verschiedenen Projekten ebenfalls in der Welt der Geschichten unterwegs.

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