Zwischen Wahrheit, Lüge und Kompromiss: „Was wir von ihr wissen“

von | 22.09.2026 | Belletristik, Buchpranger

Rebecca Fallons Romandebüt „Was wir von ihr wissen“ ist eine Meditation über Wahrheit, die Lügen, die wir uns in Familien erzählen – und alles, was dazwischen liegt. Worteweberin Annika ist der Geschichte in die USA gefolgt.

Zwei Welten treffen aufeinander, als Susan und Al einander begegnen – sie, die Schauspielerin, die es liebt, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, und er, der Geschichtsprofessor, der nach Wahrheit strebt. Die Beziehung, die die beiden wider Erwarten miteinander beginnen, steht von Beginn an im Spannungsfeld zwischen Lügen und Selbstaufopferung.

Ein Leben zwischen Hollywood und Hausfrauentraum

Das verschärft sich, als Susan eine Rolle in einer angesagten Soap-Opera erhält und von nun an ihre Wochen in Hollywood verbringt, auf aufregenden Partys tanzt, im Rampenlicht steht und neue Bekanntschaften knüpft. Ein großer Kontrast zu ihrem restlichen Leben: Für die Wochenenden mit Al kommt sie in einem Küstenort an der Ostküste zurück, in ein bodenständiges, häusliches Leben. Ein Widerspruch, der für Al nur schwer zu ertragen ist.

Viele Jahre später erkrankt Susan an Krebs und verstirbt viel zu früh. Erschüttert bleiben Al und die gemeinsamen Zwillinge Viola und Sebastian zurück. Ist es ein Wunder, dass Al seinen Kindern nach ihrem Tod viele Details über Susans Leben verheimlicht, mit denen er selbst nie zufrieden war? Erst als junge Erwachsene erfahren die Zwillinge von der Hollywoodkarriere ihrer Mutter. Kann sie mit Al eigentlich glücklich gewesen sein? Welche Rolle hat die Mutterschaft in ihrem Leben gespielt? Und wer war Susan nun also wirklich?

Verschiedene Blickwinkel

Nicht nur auf der cleveren Titelfotografie von Elliott Erwitt, auch in der Geschichte liegt der Ozean immer im Hintergrund der Geschehnisse, beginnend mit Susans Seebestattung. Und genau wie die Fotografie spielt der Roman mit Perspektiven: Rebecca Fallons Debütroman dirigiert meisterlich Zeitebenen und Perspektiven – nach und nach eröffnet sich ein Panorama auf eine facettenreiche Persönlichkeit und ambivalente Entscheidungen. Weder gibt es nur eine Wahrheit über Susan, noch die Königslösung, mit dem Wissen über die Vergangenheit umzugehen.

Während Sebastian einen Konflikt mit dem Vater austrägt und so schnell wie möglich bei ihm auszieht, schlägt Viola eine wissenschaftliche Karriere wie ihr Vater ein, wenn auch fernab, in Europa. Doch der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit kann auch sie sich nicht entziehen, als sie auf einen ehemaligen Kollegen ihrer Mutter trifft …

„Was wir von ihr wissen“ ist ein spannender, cleverer und einfach schöner Roman, der gelungen und literarisch erzählt ist.

Was wir von ihr wissen. Rebecca Fallon. Übersetzung: Juliane Zaubitzer. mare Verlag. 2026.

Annika Depping

Annika Depping

Als Chefredakteurin versucht Annika in der Bücherstadt den Überblick zu behalten, was mit der Nase zwischen zwei Buchdeckeln, zwei Kindern um die Füße und dem wuchernden Grün des Kleingartens im Nacken nicht immer einfach ist. Außerhalb der Bücherstadt ist Annika am Literaturhaus Bremen mit verschiedenen Projekten ebenfalls in der Welt der Geschichten unterwegs.

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