Mini ist ein achtjähriges Mädchen und technikbegeistert. Sie ist Erfinderin und ihr größtes Ziel ist es, Roboter zu bauen und den Nobelpreis zu gewinnen. Als ihre beste Freundin sich neuen Freundinnen zuwendet, macht Mini das traurig – wer baut denn jetzt den Roboter mit ihr weiter? Satzhüterin Pia war neugierig auf diese vielversprechende Geschichte … und wurde schwer enttäuscht.
Die Grundschülerin Mini bekam aus gutem Grund diesen Namen: Als Frühchen blieb sie immer kleiner als andere Kinder ihres Alters. Ein angeborener Herzfehler, der gleich nach der Geburt operiert wurde, hat ihren Start ins Leben holprig gestaltet. Was ihr an Körpergröße fehlt, macht sie mit Köpfchen wett: Als aufgeweckte und neugierige Erfinderin hat sie große Pläne und möchte am liebsten Astronautin werden und Roboter bauen, die ihr helfen, ihre Kleinwüchsigkeit zu kompensieren.
Kreativ gestaltet
Der Titel verrät es schon: Die Geschichte wird als Tagebuch, beziehungsweise Logbuch aufgebaut und von Mini selbst erzählt. Sie schreibt frei heraus ihre Gedanken nieder, was sich auch in der kreativen Gestaltung wiederfindet. Die Zeichnungen von Lilli L’Arronge zeigen Szenen aus der Geschichte, es gibt hervorgehobene Worte, unterschiedliche Schriftarten und handgeschriebene Notizzettel sowie Kritzeleien, die von Mini selbst stammen könnten. Das alles lockert die Seiten auf, macht das Buch lebendig und abwechslungsreich. Die kindliche Perspektive ist humorvoll gestaltet und birgt Identifikationspotenzial für Grundschulkinder. Wirklich toll ist auch, dass es um ein Mädchen geht, das technikbegeistert ist, sich für Roboter und Astronautik interessiert. Wo also liegt das Problem, was fand ich an diesem Buch so enttäuschend?
Misogynie, Diätkultur, Ableismus und problematische Schönheitsideale
Mini und ihre beste Freundin Silla sind bisher ganz auf einer Wellenlänge – das große Ziel ist es, Astronautin zu werden. Plötzlich jedoch wendet sich Silla neuen Freundinnen, Ludmilla und Cheyenne, zu, scheint sich nicht mehr um Roboter und den Weltraum zu scheren, sondern möchte Topmodel werden. Und hier kommen wir dem Problem des Buches näher: Dieser Text strotzt nur so von schwierigen Themen, die komplett ohne vernünftige Einordnung für sich stehen bleiben. Wir haben im Hinterkopf: es handelt sich um eine Geschichte aus der Perspektive einer Achtjährigen, diese Geschichte ist für Grundschulkinder geschrieben. Es beginnt schon sehr früh und zieht sich leider durch das komplette Buch.
Beispielsweise geht es viel um Diäten, Ernährung und problematische Körperbilder. Seitenweise geht es um Diätenkultur wie Sechzehn-zu-acht-Fastenkurmodellen, oder darum, wie schlecht Schokolade doch sei. Minis Vater hat ein Pralinengeschäft: „Dann seufzt Mama, aber nicht wegen meinem Herzfehler, sondern weil Papas Pralinen angeblich fett machen, und Mama will nicht fett werden.“ (S. 10)
„Seit ich denken kann, quatscht [ihre Mutter] Silla jeden Tag die Ohren voll, was genau gesundes Essen ist und dass Schokolade auf keinen Fall dazu gehört und unbedingt zu vermeiden ist, wenn man nicht krank und fett werden will. Tatsächlich ist Sillas Mutter ziemlich dünn. Viel dünner als Mama. Gesund sieht das aber nicht aus.“ (S. 11)
Körperbilder, Schönheitsideale, Optik – das ist allgegenwärtig. Das wird aus der Perspektive von Mini zwar durchaus als sehr negativ kommentiert, was aber irgendwie nur dafür sorgt, dass Mini permanent am Meckern und Bewerten ist. Es geht um Kameras, deren Brennweite optisch für fünf Kilo mehr Gewicht sorgen, was offenbar ganz furchtbar ist und darum, dass sich Oberschenkel nicht berühren dürfen (S. 72), oder auch darum, dass Narben eine mögliche Topmodel-Karriere verhindern:
„Weil ich doch von meiner Operation diese fürchterliche Narbe habe, mitten auf der Brust. Und als Topmodel muss man sich ausziehen! Nicht nackig, aber fast. Man macht Fotos in Unterwäsche oder im Bikini, und das geht mit meiner Narbe auf keinen Fall, wusste Ludmilla. Weil das abschreckend ist. Und für Menschen, die mich nicht kennen, auch ein kleines bisschen eklig.“
Dass Minis Logbuch-Einträge dies als etwas Negatives wiedergeben, entfaltet kaum Wirkung. Dafür nehmen diese Themen einen viel zu großen Teil der Geschichte ein, und es wird viel zu viel unkommentiert wiedergegeben. Minis Kommentare sind von oben herab (die anderen sind „dumm“, sie ach so klug) und wirklich seitenweise wird über Schminken, Fake-Lashes, lange falsche Fingernägel, ausgestopfte BHs und Optik gesprochen – in einem Buch für Grundschulkinder!
„Dafür arbeitet sie nun mit Ludmilla und Cheyenne daran, ihre menschlichen Fehler auszubessern. (Das hat sie gesagt, nicht ich!) Dazu tauschen die drei nicht nur rund um die Uhr Fasten- und Modetipps aus! Heute haben sie sich noch dazu in der großen Pause auf dem Schulko geschminkt.“
Auch ableistische Sprache wird ohne Einordnung wiedergegeben: Im Sport ist Mini wegen ihres Herzfehlers und ihrer geringeren Körpergröße schneller aus der Puste, was von der Lehrerschaft toleriert wird: „‘Behindi-Bonus‘, flüstern Ludmilla und Chayenne und die anderen Mädchen hinter meinem Rücken und machen auf Gönner.“
Ja, es findet sich unglaublich viel problematisches Material in der Geschichte, gleichzeitig ist es so unglaublich misogyn, denn Mini stellt sich über alle anderen, wer Topmodel werden will, ist „dumm“ und auf keinen Fall kann es okay oder für irgendjemanden positiv sein, sich Fake Lashes zu machen. „Meine beste und klügste Freundin will ein ferngesteuerter Kleiderständer werden.“ (S. 35) Minis Geschichte und Erzählweise triefen vor nicht aufgearbeiteter internalisierter Misogynie.
Keine Empfehlung
All diese Themen können natürlich in Kindergeschichten behandelt werden, und auch aus der Kinderperspektive erzählt werden. Dann jedoch sollte es (kritisch) eingeordnet und begleitet werden. In „Logbuch einer Himmelsstürmerin“ bleibt jedoch die kindliche Perspektive allein für sich stehen, die einzige Reaktion von den Eltern wird mit Lachen und skeptischen Blicken beschrieben. Was also nehmen Kinder aus dieser Geschichte mit? Mir fällt nichts Positives ein. Irgendwie bleibt eine schale Mischung aus „Schokolade ist der Feind, die macht fett und niemand möchte fett werden“ und „alles, was ‚typisch Mädchen‘ ist und sich beispielsweise um Optik dreht, ist extrem dumm und uncool“ übrig. Das überschattet komplett, dass die Geschichte einen starken Kern hat: Mädchen zu empowern, sich für Naturwissenschaften und Technik zu begeistern. Schade.
Logbuch einer Himmelsstürmerin. Frauke Angel. Tulipan. 2026.




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