Autorin Saara El-Arifi beschreibt in ihrem Roman „Kleopatra. Roman einer Königin“ nicht nur die historischen Begebenheiten, die uns bekannt sind, sondern spiegelt uns auch alle Versionen wider, die wir über Kleopatra erzählen – aus einer modernen feministischen Perspektive mit Liebe zum Detail. – Von Bücherstädterin Alica
In dem Roman „Kleopatra. Roman einer Königin“ begleiten wir Kleopatra von jungen Teenagerjahren bis zu ihrem Tod auf ihrem Weg, Königin zu werden – und auch dabei, Mensch und Frau zu sein. Kleopatras Geschichte wird oftmals von der Erzählung ihres Todes überschattet; Saara El-Arifi erzählt die Geschichte ihres Lebens malerisch und ergreifend, sodass mich Kleopatra als Figur noch mehr begeistern konnte.
Schon zu Beginn wird klar: Das wird keine typische historische Nacherzählung von Kleopatras Geschichte, wie wir sie vielleicht aus Geschichtsbüchern kennen. El-Arifi greift in ihrer Erzählung wichtige historische Details auf. Zugleich setzt sie jedoch ganz bewusst alle Mythen, Sagen und Vermutungen über die ägyptische Königin in Szene, die wir über sie zu denken scheinen.
Der Roman teilt sich dabei in drei große Abschnitte, die alle nach einer Version Kleopatras betitelt sind, die ihr als Frau nachgesagt werden: die Hexe, die Hure und die Schurkin. Die Protagonistin spricht uns als Lesende dabei gezielt an, nimmt Details vorweg, kündigt Handlungen an oder macht persönliche Kommentare. Diese Abwechslung verschaffte mir beim Lesen zwar einen gezielten Einblick in die Gedankenwelt Kleopatras, jedoch störte ich mich doch ab und zu an der Häufigkeit und Intensität des stilistischen Mittels, da der Lesefluss hierdurch ein wenig unterbrochen wurde. Dahingehend erstreckte sich die Erzählung für mich auch eher in einem langsamen Tempo. Das hat einerseits zu einem Verständnis dafür beigetragen, über welch lange Zeit wir Kleopatra begleiten, andererseits jedoch einen starken Nachhall erzeugt, sodass das langsame Tempo keineswegs negativ für mich ausfiel.
„Ich war noch nicht so weit, Pharaonin zu sein. Wobei ich mich frage, ob ich mich je dazu bereit gefühlt hätte.“ (S. 17)
Ein neues Bild in alter Gestalt
Auch wenn die Autorin Abweichungen von historischen Kontexten vorab ankündigte, hat sich für mich ein ganz neues Verständnis für die letzte Königin Ägyptens eingestellt: die Beziehungen, die sie in ihrer Familie pflegt, das Aufwachsen, ihre Liebe, das Herrschen und das Muttersein – all das wurde offensichtlich fein recherchiert und gleichzeitig so malerisch neu erzählt, dass mir Kleopatras Charakter so bildhaft präsentiert wurde, dass ich noch immer an die alte Königin denken muss. Besonders spannend war die Beziehung zu ihrer Dienerin, mit der sie eine tiefe Freundschaft und Verbundenheit pflegt. Durch solche Dynamiken wurde wiederum eine neue Facette der Königin eröffnet, die uns durch übliche Erzählungen, wie eben „Die Hure“ oder „Die Verführerin“, bisher verwehrt blieb.
„Sie ist mehr für mich als das Fleisch und die Knochen ihres Körpers. Sie ist meine Freundin und Gefährtin, in diesem Leben und im nächsten.“ (S. 128)
Ein Fluch der Götter und das Bild der Frau
„Ägypten küsste mich mit seinem Atem und brachte mich zur Besinnung. Meine Liebe für mein Land war so groß wie die Pyramiden und so tief wie der Ozean. Ich würde es nicht im Stich lassen.“ (S. 121)
Kleopatras Liebe für Ägypten, die sie von Hause aus gelernt hat, steht zu Beginn im Zentrum ihres Daseins und wird im Fortgang der Geschichte immer mehr vereint mit all den Liebesdynamiken, die sie im Verlauf ihres Lebens geführt hat. Dabei erleben wir eine verletzte, starke, liebevolle, einsame und kluge Frau, die letztendlich zur einst mächtigsten Frau der Welt geworden ist.
Zum Ende war ich mir, trotz allem, was man historisch über die Figur kennt, nicht sicher, wohin uns die Autorin führt. Deshalb war ich begeistert von dem kleinen Twist, der uns für ihre Geschichte angeboten wurde. Ohne zu spoilern, wird der Bezug zur Göttlichkeit nochmals aufgegriffen. Für mich spiegelte das noch einmal die Relevanz der Kultur wider und auch die moderne Teilhabe Kleopatras am Frauenbild sowie die Vereinigung aller Facetten und Frauenbilder, die in unserer Gesellschaft stattfinden – oder Namen, die Frauen gegeben werden.
„So viele Namen habe ich für dich. Aber du bist Ägypten. Du bist drei Frauen. Und Ägypten.“ (S. 407)
Der Roman hat mich in eine flimmernde, sandige Welt gebracht, umgeben von viel Schmerz und Liebe, gekleidet in goldene Bilder. Er bot aber auch einen greifbaren Realitätsbezug zum Nachdenken – für eine Sommerlektüre zu empfehlen!
Kleopatra. Der Roman einer Königin. Saara El-Arifi. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Hoffmann und Campe. 2026.




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