Der wissenschaftliche Sammelband „Antisemitismus und Kunst vor 1933“ von 2026 thematisiert das bisher nur wenig aufgearbeitete Forschungsfeld antisemitischer Haltungen im Kunstfeld zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Geschichtenzeichnerin Celina kann nun durch die verschiedenen Beiträge im Buch Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen jener Zeit erkennen.
Das Buch beginnt mit einer ausführlichen Einleitung von Christina Brinkmann und Mira Anneli Naß, in der übergeordnet die Forschung und die Wichtigkeit der Thematik veranschaulicht wird. Dabei wird unter anderem geschildert, dass es bereits eine Vielzahl an Publikationen zum Antisemitismus von 1933 bis1945 gibt, aber außerhalb dieser Jahre der Forschungsbestand nur rar ist. Dabei wird nicht nur auf aktuelle Publikationen, sondern ebenso auf Workshops und Debatten eingegangen. Auch stellt der einleitende Text die nachfolgenden Einzelbeträge vor und schafft somit einen Rahmen, um die Lesenden mitzunehmen.
Ein Einblick
Insgesamt gibt es sechs Beiträge im Band, die spezifische Einzelthemen behandeln. Daher können hier nur Ausschnitte daraus aufgegriffen werden.
Im Text „Antisemitismus im Kunstfeld“ von Fabian Bechtle und Leon Kahane wird Antisemitismus unter andrem als regressive Kulturtechnik erläutert.
„Diese Vorstellung erlaubt zweierlei: eine sehr bequeme Selbstentlastung von der eignen Verwicklung in die Konflikte der Zeit und eine scheinbare Entschärfung eines gesellschaftlichen Konfliktes, indem verschiedene Konfliktparteien sich plötzlich als Opfer eines gemeinsamen Feindes begreifen und so eine Opfererzählung teilen.“ (S. 30-31)
Diese Beschreibung verdeutlicht, wie eine Opfererzählung funktioniert und dass Konflikte meist weitaus komplexer sind und es mehr braucht als einen Sündenbock, um sie wirklich anzugehen.
Methodische Herangehensweisen
In dem Text von Rainer Schitz und Johanna Söhnigen werden die Schriften von Paul Schulze-Naumburg kritisch historisch aufgearbeitet. Dabei wird der ‚positive Antisemitismus‘ und die indirekte Ausgrenzung von Juden und Jüdinnen besprochen. Es zeigt sich, dass Naumburg vor 1933 antisemitische Texte schrieb, ohne dies direkt anzusprechen. Erst mit Übernahme des NS-Regimes bekannte er sich offen dazu und ordnete dies rassenideologisch ein.
Ein weiterer Beitrag, der aufhorchen lässt, ist der von Olaf Kistenmacher, in dem er schildert, wie „[…] die KPD insbesondere in den letzten Jahren der Weimarer Republik wiederholt behauptete, die NSDAP und ein ‚jüdisches Kapital‘ würden zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen.“ (S. 73) Dadurch wird deutlich, dass es auch damals von den politisch Linken antisemitische Äußerungen gab und somit antisemitische Stereotype bedient wurden sowie dies propagandistisch ausgenutzt wurde. Im Text von Hanna Sauer „Im Antifaschismus geeint gegen den Judenhass? Die ASSO, die KPD und ihr Verhältnis zum Antisemitismus“ wird dies weiter ausgebaut und beispielhaft genauer unter die Lupe genommen.
Auch widmen sich zwei Beiträgen den berühmten Künstlern Ernst Ludwig Kirchner und Hans Thoma und ihren antisemitischen Äußerungen sowie kontextualisieren diese.
Aufschlussreich
Das Buch „Antisemitismus und Kunst vor 1933“ ist thematisch heute wichtiger denn je, um zu verstehen, wie vor der NS-Zeit gesamtgesellschaftlich mit Juden und Jüdinnen umgegangen wurde und dass dies bereits eine Grundlage darstellte, auf der die Nazis aufbauen konnten.
Dieser wissenschaftliche Sammelband ist sehr lesenswert. Die Beiträge decken besonders im Kunstmilieu einen weiten Bereich ab, um eine Vorstellung zu erhalten, was Antisemitismus vor 1933 bedeutet und wie dieser historisch einzuordnen ist.
Antisemitismus und Kunst vor 1933. Hrsg.: Nike Bätzner, Christina Brinkmann. Deutscher Kunstverlag. 2026.



0 Kommentare