Ob im Urlaub oder zu Hause in den eigenen vier Wänden – das Böse kann überall sein. Seitentänzerin Michelle-Denise musste feststellen, dass man nirgendwo sicher ist. Auch nicht unter Freunden und Nachbarn.
„Das Wochenende“
Vier befreundete Familien feiern für drei Tage gemeinsam die Einweihung eines Luxuscampingplatzes. Obwohl sie alle nicht unterschiedlicher sein könnten, haben sie sich bisher immer gut verstanden und dem Ausflug mit Wohlwollen entgegengeblickt. Als nach einem Strandausflug jedoch eines der Kinder nicht mehr zurückkommt, offenbaren sich dunkle Geheimnisse, die besser nicht ans Tageslicht gekommen wären.
„Das Wochenende“ ist ein spannender Thriller mit 16 Protagonisten. Ehrlicherweise empfand ich diese Anzahl an Personen bis zum Ende als schwierig. Der Fokus liegt stark auf Dominic, einem arroganten Juror der Sendung „Star Search“, und Kip, dem Adoptivsohn des befreundeten Paars, das den Wochenendausflug initiiert hat. Sowohl Dominic als auch Kip haben einen sehr starken Charakter, der polarisiert und mit dem nicht jede und jeder zurechtkommt. Die anderen Protagonisten wirkten auf mich nicht immer klar in ihrer Rolle. Ich hatte immer wieder Probleme, die handelnden Figuren den entsprechenden Familien zuzuordnen. Die Charaktere waren nicht annähernd so spannend und undurchschaubar wie Dominic und Kip. Aus diesem Grund hat die eingangs abgedruckte Auflistung der Familienkonstellationen durchaus ihre Berechtigung, um sich wieder innerhalb der Geschichte orientieren zu können.
Trotz der Unübersichtlichkeit ist es mir jedoch gelungen, der Handlung irgendwann dennoch gut folgen zu können und mitzufiebern. Dies lag vor allem an den unterschiedlichen Erzählperspektiven der Protagonisten und den spannungsgeladenen Zeitsprüngen zwischen dem ereignisreichen Wochenende und der düsteren Gegenwart im Polizeiverhör. Dieser Aufbau der Geschichte verleiht ihr eine große Dramatik, die nicht allein durch die Handlungen in der Vergangenheit aufgekommen wäre. Anhand der Erzählungen aus der Gegenwart erfährt man, dass jemand aus der Gruppe auf dem Ausflug gestorben sein muss. Um wen es sich dabei handelt, bleibt jedoch lange ungewiss und ich ließ mich mehrfach auf eine falsche Fährte locken.
Einige Konflikte und Geheimnisse unter den Familien, wie zum Beispiel eine Affäre mit Folgen, waren dagegen relativ schnell vorhersehbar. Dennoch hat die Vorhersehbarkeit der Spannung keinen allzu großen Abbruch getan.
„Das Wochenende“ ist ein kurzweiliger Thriller mit einer spannenden Wendung, die sich allerdings schon vor den letzten Kapiteln erahnen lässt – das schmälert den Lesegenuss aber nicht.
„Der Nachbar“
Sarah hat in der Vergangenheit schon etwas Furchtbares und Schmerzhaftes erleben müssen, das sie bis in ihre Gegenwart verfolgt. Als sie mit ihrer Tochter ein Haus in einem neuen Wohnumfeld bezieht, fühlt sie sich zunächst sehr wohl und blickt positiv auf ihren Neuanfang. Allerdings häufen sich mysteriöse Vorfälle innerhalb ihrer eigenen vier Wände. Das zuvor so sicher anmutende Heim wird schnell zur Gefahr für Leib und Leben von Sarah und ihrem Umfeld.
Sebastian Fitzek ist bekannt für seine spannungsgeladenen Psychothriller. Mit dem eigenen Zuhause der Protagonistin hat Fitzek einen perfekten Handlungsort für seinen neuen Thriller „Der Nachbar“ gewählt. Wo fühlt man sich sicherer als in den eigenen vier Wänden? Die Schilderungen der kleinen Dinge, die Sarah plötzlich seltsam vorkommen, sind sehr realistisch und spannungsgeladen. Warum liegt ein Buch auf einmal woanders und warum hat sich der Inhalt des Kleiderschranks verändert? Oder war es schon immer so und sie hat es sich nur eingebildet, dass es anders ist? Beim Lesen wurde es mir tatsächlich abends zu Hause zunehmend unbehaglich. Die düstere, unerklärliche Stimmung, die Fitzek in den unscheinbar wirkenden Szenen erzeugt, ist voller Energie.
Mit Einsetzen der Zwischensequenzen, die die Sicht und Aktionen des Nachbarn kurz, aber brutal und prägnant schildern, wurde ich allerdings abrupt in eine andere Stimmung versetzt. Während Sarahs Erlebnisse zwar vergleichsweise harmlos waren, waren sie jedoch so spannungsgeladen, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte, ohne zu wissen, wie sich die unerklärlichen Situationen für die Protagonistin auflösen würden. Als ich dann nach und nach durch die kurzen Kapitel des Nachbarn erfuhr, was genau für die unerklärlichen Dinge in ihrem Haus verantwortlich war, verlor die Geschichte für mich ihren Reiz. Die Kapitel aus Sarahs Sicht waren genial. Man konnte sich direkt in ihre Ängste hineinversetzen. Es wirkte wie normaler Alltag mit seltsamen und unergründlichen Momenten.
Die Schilderungen des Nachbarn waren mir dagegen schlichtweg zu brutal und plump. Es wirkte auf mich zu gewollt. Als sollte die Brutalität die Leserinnen und Leser schlicht und ergreifend einfach nur schockieren. Die rohe Gewalt, mit der der Nachbar vorgeht, und die grauenhaften Hilferufe der Opfer nahmen mir das Interesse an seiner Sicht der Geschichte. Mir fehlten die Feinheiten in der Geschichte. Bis zum Ende war es mir tatsächlich ein Rätsel, welche Intention der Nachbar eigentlich hatte und warum er sich wirklich genau auf Sarah fokussiert hat. War es Liebe? Besitzanspruch? Oder einfach nur Mordlust?
Treue Leserinnen und Leser von Fitzeks Büchern werden sicherlich Freude an diesem Buch haben. Ich habe womöglich einfach einen weniger blutdurchtränkten Thriller erwartet, der sich mehr auf das unerklärliche Unbehagen in Sarahs Haus und in ihrem Kopf konzentriert hätte als auf die unzähligen bildlichen Schilderungen der Hinrichtungen. Für meinen Geschmack waren diese Gewaltsequenzen und der Täter selbst, deutlich zu rau.
- Das Wochenende. Hannah Richell. Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld. Rowohlt Polaris. 2025.
- Der Nachbar. Sebastian Fitzek. Droemer. 2025.




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