Was produziert diese Fabrik eigentlich, fragt sich Buchstabenakrobatin Melanie schon nach den ersten Seiten von Hiroko Oyamadas neuem Roman „Die Fabrik“. Doch die Antwort bleibt aus und der Zweck der Fabrik ist ebenso rätselhaft wie vieles andere in diesem ungewöhnlichen Buch.
Die Fabrik ist hoch angesehen, ein gigantischer Komplex, der scheinbar eine ganze Stadt umfasst, und neuer Arbeitsplatz der drei Hauptfiguren in Hiroko Oyamadas Roman „Die Fabrik“. Während Yoshiko ihre Tage damit verbringt, Dokumente zu schreddern, korrigiert Kenji Texte, deren Bedeutungen ihm verborgen bleiben. Furufue wiederum untersucht Moose auf dem Werksgelände. Sie alle haben einen der hoch angesehenen Arbeitsplätze in der Fabrik ergattert – mehr oder weniger freiwillig und aus unterschiedlichen Motivationen heraus. Und obwohl Yoshiko, Kenji und Furufue feste Aufgaben und einen geregelten Alltag haben, wissen sie nicht so recht, welchem Zweck all das dient. Was genau passiert Tag für Tag in dieser Fabrik? Was wird produziert und welchen Mehrwert haben die Arbeiten der Protagonist*innen?
Hiroko Oyamada entwickelt aus dieser Situation einen Roman, der immer rätselhafter wird, weitere Fragen aufwirft und die Grenzen zwischen Fabrik und Außenwelt nach und nach verschwimmen lässt – für ihre Hauptfiguren und uns Leser*innen. Die Fabrik scheint ständig zu wachsen, seltsame Tiere tauchen auf, vertraute Abläufe geraten aus den Fugen und die Grenzen zwischen Realität, Traum und Fantasie werden unscharf. Erzählt wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Yoshiko, Kenji und Furufue. Sie alle berichten mit einer ruhigen, beinahe sachlichen Stimme – nicht immer chronologisch – aus ihren merkwürdigen Alltagen. Was uns Leser*innen absurd erscheint, wird von den Figuren oft mit Gelassenheit hingenommen – und genau dadurch entsteht eine Atmosphäre, die beunruhigend wirkt. Sie alle stehen einem undurchschaubaren System gegenüber, dessen Regeln sie nicht verstehen. Doch scheinen sie nicht den Ansporn zu haben, den Geheimnissen auf den Grund zu gehen.
Viele Kritiker*innen sehen in „Die Fabrik“ eine moderne Kafka-Variation, lesen in Oyamadas Roman, der im Japanischen bereits 2013 veröffentlicht wurde, eine Kritik an sinnentleerter Arbeit, ein Sinnbild für die Arbeitswelt, aber ebenso das Bild eines eigenständigen Ökosystems, in dem Menschen, Tiere und Natur auf rätselhafte Weise miteinander verflochten sind. Auch ich konnte Hinweise für viele dieser Deutungsmöglichkeiten finden. Die vielfältigen Interpretationsansätze geben jedoch keine Antworten auf die aufgeworfenen Geheimnisse. Vielmehr verleihen sie dem Roman eine gewisse Spannung und animieren zum stetigen Weiterlesen und Weiterrätseln.
„Die Fabrik“ ist kein Buch, das seine Rätsel auflöst oder klare Antworten liefert – mich hat es orientierungslos und voller Irritation zurückgelassen. Hiroko Oyamada setzt auf eine Atmosphäre der Verunsicherung, auf offene Fragen und die Verschiebung dessen, was als normal gilt. Doch gerade das macht den Reiz des Buches aus: Zu gern möchte man verstehen, was sich hinter der Fabrik verbirgt, welchen Zweck sie erfüllt und wie sich das Gelesene auf die Realwelt beziehen lässt. „Die Fabrik“ bleibt mir sicherlich noch eine Weile in Erinnerung und bestimmt werde ich einen weiteren Versuch wagen, die Rätsel dieses Romans aufzudecken.
Die Fabrik. Hiroko Oyamada. Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Rowohlt Verlag. 2026.




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