In der Erzählung „Reichlich spät“ thematisiert Autorin Claire Keegan die normalisierten Gegebenheiten von misogynem Verhalten, eingebettet in die Geschichte von Cathal und Sabine. Es ist eine schlichte und gleichzeitig vielsagende Lektüre, die es schwer macht, der alltäglichen Misogynie nicht ins Auge zu blicken, die doch so tief verwurzelt ist, findet Bücherstädterin Alica.
In Claire Keegans „Reichlich spät“ begeben wir uns zu Beginn der Erzählung mit Cathal nach einem Tag im Büro an einem Sommertag in Dublin auf eine Busfahrt. Auf dieser denkt er darüber nach, wie seine Zeit mit Sabine verlaufen ist, und über das Leben, das er hätte führen können, wäre das Paar nicht gescheitert. Er hat Sabine auf einer Konferenz kennengelernt. Cathal sieht in seiner Expartnerin eine Frau, die gut kochen kann, beschwert sich jedoch über das viele Geschirr, das abgewaschen werden muss, und die Ausgaben, die sie für den Einkauf tätigt. Im Verlauf ihrer Beziehung wird ihm Sabine als Frau „zu viel“. Bis zum tatsächlichen Bruch mit Sabine durchläuft Cathal noch viele Gedankenmuster und alte Erinnerungen, die dazu führen, dass ein Bild vom alltäglichen Frauenhass entsteht.
„Ich habe gedacht, du bist hier und isst mit mir zu Abend, und ich wache mit dir auf. Vielleicht ist es einfach zu viel Wirklichkeit.“ (S. 38)
Zunächst empfand ich Verständnis für den Protagonisten und sein Verhalten, da er dieses in einer Szene mit Kindheitserfahrungen und Handlungen seines Vaters ihm gegenüber begründet. Doch fortschreitend münden Cathals Gedanken in Abneigung gegen seine Partnerin und ich verstand: Dahinter steckt mehr als eine verletzte Vater-Sohn-Beziehung. Keegans Figurendarstellung fokussiert die tiefe Verwebung der Abneigung, die in dem Protagonisten stattfindet, und versucht, diese in den Ausführungen aufzugreifen:
„Ihm ging durch den Sinn, dass er nichts dagegen hätte, wenn sie in diesem Moment den Mund hielte und ihm gäbe, was er verlangte.“ (S. 41)
Die Autorin schreibt dabei nicht verschnörkelnd, sondern klar und bedacht – setzt jedoch ein Zwischen-den-Zeilen-Lesen voraus. Ihre Schilderungen bieten bereits Anhaltspunkte, um zu verstehen, wie ein Mann mit internalisierten misogynen Denkmustern seinen Alltag bestreitet – auch wenn sie unterschwellig und oftmals kaum sichtbar sind. Eine Selbstreflexion dieser Verhaltensweisen kommt zumindest bei Cathal nicht zustande. Als Leserin (und aufmerksamer Leser) sind jedoch genau diese Muster spürbar und ein wichtiger Ansatz, diese als internalisierten Frauenhass zu entlarven und zu hinterfragen – und für eine positive Entwicklung einzustehen.
Besonders gefallen mir rückblickend der gewählte Titel des Werkes und das Cover mit den Kirschen. Beides macht für mich auf metaphorischer Ebene Sinn in Bezug auf das Thema und ist klug in die Geschichte verwebt – es ist bereichernd, über diese Bildhaftigkeit nachzudenken.
Claire Keegans „Reichlich spät“ ist eine kurze Erzählung für Zwischendurch, die es wert ist, gelesen zu werden. Sie hilft, der Alltagsmisogynie auf den Grund zu gehen, sich selbst zu hinterfragen und nachzudenken, was es braucht, um nicht reichlich spät aus dieser Schleife auszubrechen.
Reichlich spät. Claire Keegan. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl. 2024.




0 Kommentare