Wie der Wald zum Kunstwerk wird – „Bambi“ in neuem Gewand

von | 30.06.2026 | #buch&kunst, Bilderbücher, Buchpranger, Specials

Manche Geschichten altern nicht, aber sie verändern sich. Dazu gehört Felix Saltens „Bambi“ – bereits 1923 erstmals erschienen. Die 2025 im Wunderhaus Verlag veröffentlichte Ausgabe zeigt, wie viel auch heute noch in dieser Geschichte steckt. Buchstabenakrobatin Melanie hat sich durch die Neuerzählung geblättert.

Wer nur Disneys Version von „Bambi“ kennt, bekommt mit der Neuerzählung in Bilderbuchform, die 2025 im Wunderhaus Verlag erschienen ist, eine ganz besondere Einladung, sich dem Klassiker zu nähern. Denn obwohl die Disney-Verfilmung die Geschichte um das – aufgepasst, so ist es richtig – Hirschkalb weltberühmt gemacht hat, hat sie sie auf das Bild eines niedlichen Rehkitzes vor romantischer Waldkulisse reduziert. Das Bilderbuch von Autor Michel Larrieu und Illustrator Michaël Cailloux zeigt, wie viel mehr in dem gut 100 Jahre alten Roman des Österreichers Felix Salten steckt: eine Erzählung über ein empfindliches Ökosystem, dessen Gleichgewicht jederzeit bedroht werden kann, über das tierische Leben im Wald, zu dem auch der Mensch gehört – der zugleich dessen größte Gefahr ist.

Eine Bildwelt zwischen Realität und märchenhafter Besonderheit

Michaël Cailloux verwandelt den Wald aus Saltens Roman in eine opulente, vielfarbige und detailreiche Bildwelt. Bereits beim ersten Aufschlagen wird klar, dass dieses Buch nicht allein gelesen, sondern betrachtet werden möchte. Die Illustrationen sind mal großformatig und nehmen ganze (Doppel-)Seiten ein, mal rahmen sie den Text. Lediglich schmückendes Beiwerk sind sie jedoch zu keiner Zeit, immer unterstützen sie den Text und führen ihn weiter. Durch Farne, Blätter und Blüten entstehen Seiten, auf denen Tiere beinahe mit ihrer Umgebung verschmelzen. Ornamentale Linien treffen auf naturkundliche Präzision, kräftige Farben auf filigrane Details. Cailloux erschafft einen Wald, der zugleich real und märchenhaft wirkt.

Dabei verzichtet er auf verniedlichende Tierdarstellungen, seine Figuren bleiben Tiere – optisch möglichst nah am realweltlichen Vorbild, in ihrem Ausdruck aufmerksam, scheu und sich der Gefahren ihres Lebensraumes immer bewusst. Gerade dadurch entsteht eine Atmosphäre, die lange nachwirkt. Jede Doppelseite lädt dazu ein, innezuhalten, die vielen Details zu entdecken und den Empfindungen der Tiere nachzuspüren.

Eine Lebensgeschichte aus dem Wald – ungeschönt und naturnah

Michel Larrieus Umerzählung folgt dem Prinzip der Reduktion. Behutsam komprimiert er Saltens knapp 200 Seiten umfassenden Roman auf 64 Bilderbuchseiten. Das gelingt ihm, ohne die Grundstimmung der Vorlage aus den Augen zu verlieren. Auch in der Bilderbuchfassung ist das Leben im Wald von Schönheit ebenso geprägt wie von Unsicherheit. Geburt und Tod, Freundschaft und Verlust gehören auch hier zusammen und sind Teil des immer wiederkehrenden Kreislaufs des Lebens.

Larrieu richtet sich mit seiner Umerzählung an Leser*innen ab neun Jahren und traut ihnen zu, von der Verbindung aus Schönheit und Grauen, die das Leben im Wald bedeutet, zu erfahren. Anders als in der Disney-Fassung verzichtet er nicht darauf, den Wald als Ort ständiger Bedrohung zu zeigen. Verlust, Einsamkeit und der zerstörerische Eingriff des Menschen gehören ebenso selbstverständlich zu Bambis Leben wie Freundschaft, Liebe und das Staunen über die Natur. Nicht nur durch die schwierigen Themen, auch in seiner Sprache bleibt Larrieu Saltens Roman treu. Zwar sind Textlänge und Vokabular ans Zielpublikum angepasst, doch sie banalisieren nicht und bewahren die emotionale Tiefe – die nicht immer leicht zu ertragen ist:

„Bleib nicht stehen, Gobo“, flüsterte Faline. Sie bebte am ganzen Leib.
„Er … Er ist da!“ […]
„Fort!“, rief Bambi. „Auf der Stelle fort!“ […]
Gobo blieb frei auf der Wiese stehen.
Da krachte der Donnerschlag. Gobo wurde von dem Knall in die Höhe gerissen, machte jählings kehrt und flog in geschleuderten Sätzen zurück ins Dickicht. […] Gobo lag da, mit aufgerissener Flanke und blutig herausgequollenen Eingeweiden.

Gerade die Verbindung aus den Illustrationen und der Erzählweise macht dieses Bilderbuch besonders, gemeinsam erzählen sie die Geschichte des Hirschkalbs. Cailloux und Larrieu haben nicht bloß eine illustrierte Neuerzählung geschaffen, sondern ein Gesamtkunstwerk, in dem Bild und Text gleichberechtigt nebeneinanderstehen.

Auch nach mehr als 100 Jahren aktuell

Felix Saltens Roman „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ ist bereits mehr als 100 Jahre alt und dennoch von bemerkenswerter Aktualität. Die Themen Artenvielfalt, der sensible Umgang mit der Natur und das Verhältnis des Menschen zur Wildnis wirken heute vielleicht noch eindringlicher als zur Entstehungszeit des Romans. Ohne belehrend zu sein, fordert die Erzählung zum Nachdenken über den Wert natürlicher Lebensräume auf. Nicht nur deswegen ist „Bambi“ aus dem Wunderhaus Verlag ein Bilderbuch, das Menschen jeden Alters ansprechen und berühren kann.

Diese Ausgabe ist mehr als eine weitere Neuauflage eines Klassikers. Sie zeigt, wie eine zeitgemäße Umerzählung und außergewöhnliche Illustrationskunst einem bekannten Stoff neue Aufmerksamkeit verleihen können. Dieses Buch ist ideal zum Vorlesen oder Selberlesen, als Geschenk für Menschen, die außergewöhnlich gestaltete Bücher schätzen – und ein schönes Beispiel für die besondere Beziehung zwischen #buch&kunst.

Bambi. Nach dem Roman von Felix Salten. Illustriert von Michaël Cailloux. Umerzählt von Michel Larrieu. Aus dem Französischen von Marianna Koch. 2025. Wunderhaus Verlag.

Melanie Trolley

Melanie Trolley

Die Leidenschaft für das geschriebene Wort hat Melanie nach Bremen und dort an die Uni verschlagen. Das Studium der Germanistik hat ihr einen veränderten Blick auf Bekanntes ermöglicht, die Augen für Neues geöffnet und Begeisterung fürs Bilderbuch entfacht. Als Texterin arbeitet Melanie täglich daran, die richtigen Worte zu finden – im Beruf vorerst ohne literarische Berührungspunkte.

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