QWERTfeldein durch Orméa

von | 24.05.2026 | Belletristik, Buchpranger

„Bei einem Dichter klauen ist Diebstahl, bei vielen Dichtern klauen ist Recherche.“ – So heißt es in „Die Stadt der Träumenden Bücher“ (S. 267) von Walter Moers. Doch wie soll man es nennen, wenn der Autor von sich selbst klaut? Bücherstädter Lenny macht sich Gedanken über den neuesten Roman von Walter Moers: „QWERT“.

Sollte der werte Leser oder die werte Leserin jetzt nicht wissen, wer Walter Moers ist oder was es mit dem fiktiven Kontinent Zamonien auf sich hat, der sichert sich jetzt diesen Artikel, liest alle Zamonien-Romane (oder lässt sie sich vorlesen) und kommt dann wieder hierher zurück. Ich warte so lange …

… Ah, alles gelesen? Sehr schön. Dann können wir uns ja dem neuesten Roman von Walter Moers widmen: „QWERT“. Qwert erschien 2025 und ist mittlerweile der 12. Band aus der Zamonien-Reihe. (Oder ist es der erste Orméa-Roman?) Hauptfigur im neuesten Buch ist der titelgebende Qwert Zuiopü. Den meisten bekannt aus „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ als Gallertprinz aus der 2.364. Dimension, der mit dem Blaubär die Schulbank bei Prof. Dr. Abdul Nachtigallen in der Nachtschule drückt.

Jetzt ist Qwert also zurück. Nach einem Dimensionslochsturz findet er sich erneut in einer ganz anderen Welt wieder und auch in einem völlig anderen Körper – dem Körper von Prinz Kaltbluth, Eeiner Heldenfigur des Autors Zamoniak Graf Klanthu zu Kainomaz. Mit der Zeit erfährt Qwert, dass er im Land Orméa gelandet ist und in der Tat Prinz Kaltbluth ist. Die Figur, von der er schon in der Nachtschule sämtliche Romane gelesen hatte.

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt ihm allerdings nicht, denn eine hilflose Jungfrau wartet auf seine Rettung und als waschechter Held (ob gewollt oder ungewollt) muss Qwert sie natürlich retten. Dumm nur, dass die hilflose Frau keine hilflose Frau ist, sondern eine Janusmeduse, die sämtliches Leben in Orméa versteinern will. Ziemlich blöd gelaufen für Qwert. Noch blöder für ihn, dass er nun den Zorn ziemlich vieler in Orméa auf sich gezogen hat. Am blödesten: Er hat sich in die Janusmeduse verliebt.

So muss sich Qwert nun auf die Reise durch das Land Orméa machen. Immer an seiner Seite sein treuer Knappe Oyo (der eigentlich ein Küstengnom mit dem Namen Queekwigg ist, sich wegen eines Dimensionslochsturzes aber nun im Körper von Oyo befindet; Queekwigg ist auch kein Unbekannter und tauchte schon im Roman „Die Insel der tausend Leuchttürme“ auf), sein treues Reittier namens Schneesturm und sein unsichtbarer Degen mit dem Namen Tarnmeister. Ebenso nicht zu vergessen eine Stimme in Qwerts Kopf, die immer in den (un)passendsten Momenten auftaucht.

Klingt bis hierhin doch alles nach einem phantastischen Roman voller Witz, Einfallsreichtum, Abenteuer, Spannung und und und. Ja stimmt. Ist es auch. Doch da ist diese Stimme in meinem Kopf (nicht die, die Qwert hört), die ständig sagt: „Moment, das kennst du doch schon. Das kommt mir aber bekannt vor.“ Und so ist es auch. Viele der Figuren, Geschehnisse, Handlungen, wie Charaktere miteinander agieren, sind schon bekannt aus vorherigen Zamonien-Büchern.

Das wäre auch gar nicht schlimm. An Referenzen ist nichts auszusetzen. Die Fans freuen sich und natürlich habe auch ich mich gefreut, alte Bekannte wiederzusehen. Warum wollte mir Qwert aber trotzdem so überhaupt nicht gefallen? Von Anfang an.

Mit der Geschichte fängt alles an. Schon ziemlich früh beim Lesen hatte ich eine Idee davon, was der Twist der Geschichte sein würde (ich verrate natürlich nichts) und ich sollte im Großen und Ganzen auch Recht behalten. Das allein macht eine Geschichte aber nicht schlechter, werden manche einwenden wollen. Stimmt. Ein Krimi kann spannend sein, auch wenn der Täter schon bekannt ist. Es kommt dann aber darauf an, wie der Weg bis dahin erzählt wird.

Und da bin ich schon bei einem weiteren Problem. Sehr viel, was hier passiert, ist purer Zufall. Ein Setting nach dem anderen. Figuren tauchen auf, verschwinden, tauchen an gänzlich anderen Orten wieder auf. Immer wieder kommen Qwert und seine Mitreisenden in augenscheinlich ausweglose Szenarien, doch zum Glück gibt es ja Schneesturm. Qwerts treues Reittier und Schweizer Taschenmesser Orméas, das dann doch noch den Tag rettet. Das lasse ich mir einmal gefallen, auch noch ein zweites Mal. Schließlich hat Walter Moers diesem Phänomen eine eigene Figur gewidmet. In „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ gibt es den Flugsaurier Deus X. Machina, der Personen aus ausweglosen Situationen rettet (in allerletzter Sekunde). Das Ganze passiert aber genau zweimal.

In „QWERT“ passiert es immer und immer wieder. Sollte es mal nicht Schneesturm sein, das den Tag rettet, dann ist es die Janusmeduse. Qwert stürzt in den endlosen Abgrund, die Janusmeduse rettet ihn. Qwert ist umzingelt von gefährlichen Kristallskorpionen, Schneesturm rettet ihn. Ein Kampf gegen einen übermächtigen Gegner? Kein Problem, die Hilfe wartet schon um die Ecke. Sollte aber mal weder Schneesturm noch die Janusmeduse zur Stelle sein und Qwert selbst aktiv werden müssen, ist da immer noch sein Superdegen und diese Stimme im Kopf, die ihn Wunderdinge vollbringen lässt.

Apropos Stimme im Kopf. Woher kenne ich denn das noch gleich wieder? Ach ja. Blaubär hatte das ja auch. Dort war es die Stimme von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller und das „Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung“, welches Nachtigaller Blaubär per Gedankeninfektion eingepflanzt hat (Eydeeten mit sieben Hirnen können sowas). Auch hier tauchte die Stimme immer dann auf, wenn es passte. Sie blieb aber auch in entscheidenden Situationen mal weg, obwohl Blaubär Hilfe gebraucht hätte.

Es gibt aber eine Erklärung, warum dem so ist. Qwert wird nur wenig bis gar nichts erklärt. Alles wird so zurechtgebogen, dass es dem Ziel der Geschichte zuträglich ist. Ergibt es einen Sinn? Zweitrangig. Warum hat Qwert vergessen, was Prinz Kaltbluth alles erlebt hat? Mit wem er im Clinch liegt, was er hat und was er kann? Warum kann sich Oyo aber an alles erinnern, was er mit Prinz Kaltbluth erlebt hat? Obwohl Oyo ja auch nicht Oyo, sondern Queekwigg ist. Warum bleibt eine dritte, sehr wichtige Person, weitestgehend sie selbst? Zumindest ist kein großer Unterschied zu erkennen. Ich könnte noch mehr nennen.

Ein letzter Aspekt, der mir noch negativ aufgefallen ist: Vieles habe ich in vorherigen Romanen in ähnlicher Form schon einmal gelesen. In besser. Stimme im Kopf: Blaubär und Rumo. (In Rumo gibt es sogar das Schwert, welches mit Rumo spricht. Generell erinnert die Heldengeschichte sehr an Rumo). Ein nomadisierendes Wüstenvolk mit absurd langen Namen, die schnell beleidigt sind: Blaubär. Ich hätte damit weitaus weniger Probleme, wenn die Elemente zum einen neuen Kniff gehabt hätten und zum anderen besser in die Geschichte implementiert gewesen wären. So wirkt das ganze weniger wie ein Walter Moers Roman, sondern vielmehr wie eine Fanfiction, die versucht, Moers zu imitieren, es aber nicht schafft.

Ich habe diesen Text mit einem Zitat aus „Die Stadt der Träumenden Bücher“ angefangen, mit der anschließenden Frage, wie ist es, wenn der Autor sich selbst und seine Romane zitiert? Eine abschließende Antwort darauf habe ich nicht. Als Leser sämtlicher Zamonien-Bücher bleibt Enttäuschung. Zu vieles ist bekannt und wurde in früheren Romanen schon besser erzählt. Ich weiß auch, dass es in den Büchern von Walter Moers von Anspielungen, Referenzen, Zitaten, Namen und dergleichen nur so wimmelt. Nicht nur aus seinen eigenen Büchern, sondern von so gut wie allen anderen Medien auch. Wobei ich wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte kenne oder bemerke. Was bringt das Ganze, wenn die Geschichte am Ende nicht rund ist? Was bringt eine Hommage oder ein Sich-lustig-machen über Klischees in Genres, wenn man als Autor genau die gleichen Kniffe benutzt und damit die gleichen Fehler begeht?

Ist „QWERT“ ein schlechtes Buch? Nein, beileibe nicht. Sehr wahrscheinlich hätte ich es geliebt, wenn es mein erstes Buch aus der Reihe gewesen wäre. Die Menge an Witz und Ideen ist einfach absurd. Vermutlich hätte ich es aber auch nie gelesen, wenn ich nicht vorher schon sämtliche Bücher aus der Zamonien-Reihe gelesen hätte. So bleibt bei mir am Ende ein ambivalentes Gefühl zurück, welches ich mit einer abgewandelten Floskel beenden möchte: Fans lesen Probe, der Rest greift zu.

QWERT. Walter Moers. Penguin Verlag. 2025.

Lennart Koch

Lennart Koch

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