Der Debütroman „Weisser Sommer“ von Eva Pramschüfer gehört jetzt schon zu den Jahreshighlights. Die poetische Sprache und ihre Charaktere haben sich auch nach dem Lesen noch in den Gedanken einquartiert – und bleiben dort wahrscheinlich länger als nur einen Sommer. – Von Bücherstädterin Alica
Der Roman „Weisser Sommer“ erzählt die Liebesgeschichte von Alma und Théo. Auf den ersten Metern erinnern das Setting und die Atmosphäre an den Roman „Call me by your Name“ von André Aciman, doch zeigen sich durch unterschiedliche Schauplätze mehrere Facetten, die mehr zeichnen als das Bild eines Sommers in Frankreich.
Die beiden Protagonist:innen lernen sich in Frankreich kennen, wo Théo aufgewachsen ist und Almas Familie ein Haus besitzt. Wir bewegen uns in der Handlung vor und zurück und bekommen als Lesende immer neue Eindrücke davon präsentiert, wie sich ihre Beziehung im Laufe von vier Jahren gestaltet hat. Die Gegenwart zeigt das Stadium, in dem sie herausfinden wollen, ob sie ihre Beziehung zueinander noch retten können. Die Zeitsprünge eröffnen uns Lesenden Einblicke in die Entscheidungen, die bis zu diesem Punkt geführt haben: ihre Beziehung in Trümmern, trotz Liebe.
„Der Sonnenaufgang sieht aus wie eine verbrannte Schulter, pink an den Rändern, rot in der Mitte. Wund, schmerzhaft.“ (S. 35)
Zwischen Atmosphäre und Selbstfindung
Schon auf den ersten Seiten habe ich gemerkt: Das wird ein Highlight. Dabei ging es gar nicht konkret um die Handlung, sondern wie sie erzählt wird. Pramschüfers Schreibart ist so fein, dynamisch und poetisch und gleichzeitig konkret, dass ich mich an den Worten nicht satt lesen konnte. Denn obwohl eine Liebesgeschichte über erste Liebe und richtige Zeitpunkte, wie es auf dem Klappentext steht, auf mich als Leserin erstmal nicht nach einer neuen Innovation klingt, gab mir die Geschichte viel mehr als das. Es war eine Suche nach dem Sein als kunstschaffender Mensch, über Inspiration, Werte und Facetten von Liebe. Die Worte, die gewählt wurden, fingen für mich genau die Gefühle ein, die sonst schwer greifbar sind. Welche Version von sich will man sein? Und was bringt das mit sich? Wann ist es Zeit zu gehen und wann sollte man bleiben? Wie fühlt sich Liebe tatsächlich an?
„Wie kommt es, dass immer, wenn er inspiriert ist, sie Leere empfindet?“ (S. 66)
Ein Haus, das spricht
Der Roman behandelt außerdem Problematiken von Liebesbeziehungen im Sinne des Zeitgeistes – eine Beziehung führen, Strukturen aufbrechen und Freiheitsgefühl und Partnerschaft zu vereinen. Ich fand es spannend, die Entwicklung beider Charaktere mitzuverfolgen. Durch die Zeitsprünge haben sich über das Leseerlebnis langsam immer mehr Erkenntnisse erschlossen und sich wie ein Puzzle zusammengefügt. Ab und an hätte ich mir noch mehr Einblicke in die Gefühlswelt von Alma gewünscht und ihre Gedankengänge zu Themen innerhalb der Beziehung. Dafür gefielen mir die Sequenzen von Théo und sein Umgang mit den Beziehungsdynamiken. Schlussendlich haben mich Almas Zwiespalt und Théos Drang nach Selbstentscheidung ins Herz getroffen. Die Emotionen, die über die Buchseiten transportiert wurden, gaben mir das Gefühl, selbst Teil von Almas und Théos Leben zu sein.
„«Worte sind präzise», sagte Alma immer, das liebte sie an ihnen. Aber seine Gedanken waren amorph, drängend, jenseits der Sprache. Jedes Mal, wenn er einen Gedanken oder ein Gefühl artikulieren wollte, war das ein Akt der Übersetzung.“ (S.140)
Wie zu Anfang erwähnt, spielen die Schauplätze beim Lesen für mich eine wesentliche Rolle. Dabei fand ich es äußerst interessant, dass Pramschüfer sich entschieden hat, dem Haus in Frankreich, in dem Alma und Théo viel Zeit gemeinsam verbringen, eine eigene Stimme zu geben – das bot eine spannende Perspektive auf das Geschehen und ich hätte mir gewünscht, noch mehr solcher Sequenzen zu erhaschen. Dieser Einblick hat den Roman absolut abgerundet.
Ein starker Roman mit einer Mischung aus klaren Gedanken, verpackt in einer poetischen Erzählung – für mich ein Jahreshighlight!
Weisser Sommer. Eva Pramschüfer. Rowohlt Verlag. 2026.




0 Kommentare